95 Thesen

29. Juni 2010

Als Luther vor bald fünf Jahrhunderten seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirchen von Wittenberg hämmerte, war’s bald vorbei mit der betulichen Ruhe in dem kleinen Örtchen mit der kleinen Universität. Uns muss jetzt auch gar nicht die Frage beschäftigen, ob Luther wirklich die Thesen an die Tür genagelt hat oder nicht. Viel wichtiger ist, dass sie binnen weniger Wochen Veränderungen auslösten, die letztlich die gesamte damals bekannte Welt veränderten. Wohl selten war ein kurzer akademischer Text von einem Universitätsprofessor wirkungsmächtiger als die 95 Thesen.

Jetzt ist wieder ein Universitätsprofessor dabei, 95 Thesen zu publizieren – und zumindest ich halte den Atem an und warte gespannt, was passiert!

Seit Mai veröffentlicht der Frankfurter Literaturwissenschaftler Werner Hamacher, der unter anderem ein großer Celan-Kenner ist, sukzessive 95 Thesen zur Philologie im roughblog des Verlegers Urs Engeler. Nun macht natürlich schon die Publikation in Etappen klar, dass mein Vergleich mit Luthers Thesen nur bedingt trägt. Und mir ist auch bewusst, dass Hamachers Thesen nicht auf derart viel Interesse stoßen werden, wie die Luthers zum Ablass (das nur als Rechtfertigung für all die, die nicht wissen was Ironie ist).

ABER: Selten hat ein Philologe derart pointiert und zugleich reflektiert über Philologie geschrieben wie Hamacher jetzt. Vor allem nähert er sich dem Thema mittels Aphorismen und Zitaten, so dass seine ganzen Reflexionen zum Nachdenken herausfordern und gleichzeitig niemals ’schwer‘ und ‚beladen‘ daherkommen. Vergleichbar ist das vielleicht mit Friedrich Schlegel, dem aber – anders als Hamacher – gerade in seinen Reflexionen über Philologie die romantische Ironie immer wieder abgeht (was vielleicht auch daran liegt, dass seine Philosophie der Philologie nicht vielmehr als ein paar Notizen sind). In These 28 etwa denkt Hamacher über die notwendige Selbstvergessenheit der Philologie nach. Nur wer sich die bewusst macht, ja sie ganz und gar akzeptiert, hat die Chance im wahrsten Wortsinn Philologe zu werden.


Aus berufenem Munde …

17. Juni 2010

habe ich jetzt erfahren, was Elfenbeinturm und Blogs miteinander zu tun haben. Leider bieten die Blätter für deutsche und internationale Politik nicht die Möglichkeit, den Beitrag zu kommentieren. Der Philologe hätte zu gerne Kommentare dort mit denen auf netzpolitik verglichen … Leider kommt bei dem einen oder anderen Kommentar dort schon der Eindruck auf, dass Prantls Beitrag nicht ganz gelesen wurde. Muss man ja auch nicht, aber warum man dann trotzdem einen Kommentar postet, ist mir einfach nicht klar.


Zeitfenster

11. Juni 2010

Letzte Woche war Moritz Rinke für drei Tage in Gießen zu Besuch. Am Mittwoch hat er im Literarischen Zentrum aus seinem Roman gelesen. Von Donnerstag an haben meine Kollegin Petra Bolte-Picker und ich einen Workshop mit und über ihn veranstaltet. Wir haben zu diesem Zweck einige Theaterpraktiker und Kollegen eingeladen, um in unterschiedlichen Einheiten an Rinkes Texten zu arbeiten.

Zur Vorbereitung des Workshops haben wir in zwei parallelen Seminaren Rinkes Dramen und den Roman gelesen, so dass wir sehr intensiv vorbereitet waren und ganz konkret arbeiten konnten. So haben wir mit Unterstützung von Sibylle Broll-Pape vom prinz regent Theater Bochum Szenen aus den Nibelungen erarbeitet und uns mit Unterstützung des Kritikers Thomas Irmer mit der Hörspiel-Fassung davon auseinandergesetzt. Stephan Kraft aus Bonn hat kritisch die Verfilmung von Vineta mit dem Drama verglichen, und Harald Wolff vom Staatstheater Braunschweig hat anhand von Umberto dramaturgische Perspektiven für das Stadttheater entwickelt. Dazu kamen noch Einheiten, die Petra, Rinke und ich angeboten haben.

Das einzige Problem, das sich während des Workshops immer wieder ergab, war, dass die angesetzten Zeitfenster viel zu knapp waren. Dabei wurden einige Einheiten schon parallel angeboten und niemals die viel zu knappen 90 Minuten Seminareinheiten angesetzt. Manchmal dachte ich, wir hätten aus jeder Einheit einen ganzen Workshop machen können. Die gemeinsame Arbeit in der alten UB in Gießen war auf jeden Fall eine ganz tolle gemeinsame Erfahrung. Man soll’s nicht glauben, aber die Arbeit im Elfenbeinturm kann richtig Spaß machen!


E-Books

21. Mai 2010

In letzter Zeit  habe ich zweimal erlebt, dass ein Bekenntnis zum ‚echten’ Buch abgelegt wurde, obwohl das in keiner Weise zum Anlass der Veranstaltung passte – einmal bei der Eröffnungsrede einer Tagung, einmal bei einer Festveranstaltung. Der Zweck der Bekenntnisse war derselbe: Der Redner wollte den im Auditorium versammelten Literaturwissenschaftlern und Historikern zurufen: „Ich kenne Ihr Medium und bin auf Ihrer Seite!“ Ganz so, als bedrohte das E-Book die Geisteswissenschaften. Dieses Bekenntnis wurde dann in beiden Fällen um eine private Nuance ergänzt: „Auf meinem Nachttisch liegt auch weiterhin das gute alte Buch!“

Doch warum dieses Bekenntnis? Zumal sich die Frage stellt, ob Redner und Auditorium überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Ich kenne zumindest niemanden, der einen E-Book-Reader besitzt. Ich habe sie mir zwar auf der CeBIT angesehen, und von Zeit zu Zeit sieht man mal einen im Zug, aber das war’s. Einen Boom haben sie wahrlich nicht ausgelöst. Und erst recht keine Revolution, die ein Bekenntnis notwendig machen würde. Aber vielleicht ändert sich das ja bald, wenn elektronische Bücher anfangen, die Möglichkeiten des Mediums auch wirklich auszureizen – Perlentaucher hat darüber jüngst geschrieben. Sieht aber nicht so aus, als würde das das Ende der geisteswissenschaftlichen Arbeit bedeuten. Vielleicht geben elektronische Bücher der Forschung auch ganz neue Impulse. Wir werden sehen.

Auf jeden Fall sieht es aber derzeit, wie gesagt, noch ganz anders aus. E-Books sind nicht gerade das, was man einen Erfolg nennt. Das liegt gewiss nicht zuletzt daran, dass die Reader nicht ganz billig sind. Warum soll ich mir ein Gerät kaufen, das fast so viel kostet wie ein Netbook, um dann Bücher-Datensätze zu kaufen, die meistens genauso teuer sind wie die gedruckten Bücher (Buchpreisbindung!)?

Klar: Man kann sich bei google books inzwischen unheimlich viele alte Bücher als pdf- oder epub-Datei herunterladen. Aber das ist ein wenig wie mit den Gesamtausgaben, die man sich irgendwann mal ins Bücherregal stellt: Man ist ganz froh, in ihnen nachlesen zu können, aber man kauft sich keine Gesamtausgabe, um sie in der Freizeit mal kurz durchzulesen (bei Büchner oder Kleist kann man das noch versuchen, aber bei Goethe?).

Nein, google books ist kein Argument für einen E-Book-Reader, und mir fiel bisher auch partout kein anderer ein. Aber seit einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen kenne ich zumindest ein Argument fürs E-Book. Ich habe mir nämlich aus Neugier den Datensatz von Andre Hesses Die Schwester im Jenseits gekauft und mir dazu die Adobe Digital Editions heruntergeladen – ein Leseprogramm für epub-Dateien.

Ich saß abends im Zug und hatte irgendwann Lust, den Krimi zu lesen. Dann habe ich meinen Rechner aufgeklappt, die Ansicht auf maximale Vergrößerung gestellt und angefangen zu lesen. Eine wunderbare Sache. Die Buchstaben waren natürlich viel größer als bei jedem Taschenbuch und die Hintergrundbeleuchtung vom Bildschirm machte mich komplett unabhängig vom funzeligen Oberlicht im IC. Natürlich kann man sich mit dem Rechner auf den Knien nicht so gut in den Sitz lümmeln, aber daran war, da ich einen Gangplatz hatte und dort viele Menschen ohne Reservierung hockten, eh nicht zu denken. Ich bin mir seit dieser Fahrt sicher: Der (übrigens hervorragende) Krimi von Hesse war nicht das letztes E-Book, das ich mir gekauft habe. So, jetzt habe ich auch mal eine Bekenntnis abgelegt! Auch wenn der Nachttisch eine Domäne von Papier-Büchern bleiben wird, die nächste Bahnfahrt kommt nämlich bestimmt.


Archivpluralismus

3. Mai 2010

Marcel Lepper, Leiter der Arbeitsstelle ‚Geschichte der Germanistik‘ in Marbach,  hat 2008 die Frage gestellt: Zu welchem Ende sammelt und ediert man Vorlesungen aus Wissenschaftlernachlässen? (in: Geschichte der Germanistik 33/34, S. 48-56). In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Trajekte des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung zeigt Herbert Kopp-Oberstebrink, dass diese Frage schon vor über hundert Jahren aktuell war.

Unter dem Titel „Archive für Litteratur!“ (Trajekte 20 (2010), S. 37-45) hat der Berliner Philosophiehistoriker Überlegungen Wilhelm Diltheys zur Gründung von Literaturarchiven publiziert. In Auseinandersetzung mit dem damals jungen Weimarer Archiv spricht sich Dilthey für die Gründung von weiteren Archiven aus, die verschiedene Anliegen verfolgen – u.a. auch die Archivierung von Gelehrtennachlässen. Dilthey verfolgte, das zeigt Kopp-Oberstebrink überzeugend, die „Rekontextualisierung“ (S. 44) und arbeitete so einem erweiterten Literaturbegriff vor, der sich erst viele Jahrzehnte später durchsetzen sollte.

In den letzten Jahren ist Marbach wiederholt vorgeworfen worden, dass es sich zu sehr den Gelehrtennachlässen zuwende und zu wenig der Literatur. Dilthey wäre die Schwerpunkterweiterung Marbachs mutmaßlich sehr sympathisch gewesen – sowohl methodisch als auch im Hinblick auf den Archiv-Pluralismus. Schließlich ermöglicht erst dieser die Rekonstruktion einer differenzierten Entwicklungsgeschichte, die Diltheys Anliegen war. Dass wir dieser heute kritischer gegenüberstehen als er, stellt eine Herausforderung eigener Art da – aber keinen Widerspruch dazu, dass es sinnvoll ist, über seine Konzepte erneut nachzudenken.


Museum und Archiv

1. Mai 2010

Wer Handschriften von Schriftstellern lesen möchte, muss in Deutschland ins Archiv gehen. Nun sind Archive bekanntlich keine Museen. Ins Museum geht man, um in der Freizeit ein wenig das zu genießen, was man Allgemeinbildung nennt. Ins Archiv dagegen geht man, weil man eine bestimmte wissenschaftliche Frage hat und diese beantworten will. Im Archiv wird also wissenschaftlich gearbeitet.

Was aber tun die, die eine Handschrift nicht gleich bearbeiten, sondern schlicht einmal eine oder gar gleich mehrere in ihrer Freizeit lesen oder auch nur ansehen wollen? Ihnen bleibt nur der Weg in eins der großen Archive – immerhin habe sie meistens einige Ausstellungsräume. Das gilt insbesondere für die vier großen Literaturarchive: das Archiv der Akademie der Künste in Berlin, das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Marbach hat zudem mit dem Literaturmuseum der Moderne den Weg gewiesen, wie eine kluge Verbindung aus Archivbeständen und Museum aussehen kann.

Aber das, was den Schriftsteller im Kern ausmacht, ist weiterhin bemerkenswert peripher: Ein Museum in erster Linie für Handschriften aller Epochen gibt es in Deutschland nicht. Man kann ins entlegenste Kaff kommen und findet ein Literaturmuseum. Das ist dann meist ein Haus, in dem irgendein Schriftsteller geboren wurde, den heute kaum noch jemand kennt und der zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr mit seinen Eltern diese trostlose Gegend für immer verlassen hat. Das vermeintliche Museum hat also meist nicht vielmehr als eine Kopie vom Taufregister zu bieten und vielleicht noch ein vergilbtes Photo vom Nachbarn oder Onkel. An der Kasse werden immerhin ein paar Bücher verkauft, und wenn man viel Glück hat, findet man dort ein Buch, das lange schon vergriffen ist. Über die Arbeitsweise des Schriftstellers, also über sein Schreiben, erfährt man dagegen wenig.

Vor allem aber erfährt man in solchen Dichter-Museen über das Schreiben im Allgemeinen nichts: Wie hat es sich entwickelt, welche Formen des schriftstellerischen Schreibens gibt es? Sind Schriftsteller eher diszipliniert oder krickeln sie herum? Welche technischen Hilfsmittel haben sie zu welchen Zeiten bevorzugt? Haben sie ganz viele Notizen angelegt oder scheint alle ihre Ideen immer schon im Kopf zu sein?

Man lernt sehr viel über einen Schriftsteller, wenn man sich einmal in Ruhe einen Nachlass im Archiv anschaut. Das ist klar. Aber den Vergleich ermöglicht das noch lange nicht. Das kann nur ein Museum leisten, dessen Kuratoren viele Nachlässe kennen und mit der Geschichte des Schreibens vertraut sind. Ein Museum, das all das auf spannende Weise vermittelt, gibt es in Deutschland nicht.

Offenbar ist man hier der Meinung, dass das außer ein paar Philologen eh niemanden interessiert. Wenn man sich aber einmal klar macht, wo überall Schriftsteller-Museen und -Sammlungen sind und dass es andererseits in diesem Land kein einziges Museum gibt, das sich der Schrift widmet, so wird rasch die Diskrepanz deutlich. Ich glaube auch nicht, dass das ein Museum nur für ein paar Freaks wäre. Wie spannend alte Handschriften sein können, weiß jeder, der einmal in den Schulheften der Eltern gewühlt hat.

In Frankreich ist man einen anderen Weg gegangen. Dort gibt es seit einigen Jahren das Musée des Lettres et Manuscrits. Es zeigt nicht nur Handschriften berühmter Schriftsteller, sondern eben auch Briefe und andere Handschriften seit dem Mittelalter. Allen, denen der Weg nach Paris zu weit ist, präsentiert sich das Museum im Netz. Dort kann man zum Beispiel mit einer virtuellen Lupe über den Handschriften herumfahren und sich ein wenig als Hobby-Kodikologe versuchen, wobei man gut beraten ist, die Ansicht im Browser hochzufahren, sonst erkennt man oft gar nichts. Aber das ist nicht so schlimm. Dass eine Internet-Präsenz keinen Museumsbesuch ersetzen kann, ist eh klar.

Warum hat Deutschland ein solches Museum nicht? Es müsste eins sein, das nicht auf eine bestimmte Epoche konzentriert ist und das zu zeigen versucht, wie sich die Geschichte eines Landes in seiner Schriftgeschichte spiegelt. Wäre doch spannend, wenn man mal sehen könnte, ob sich Notizen von Kaisern und Königen sehr von einer Merkel-SMS unterscheidet.


Philologen-Traum

23. April 2010

Vor ein paar Tagen las ich einen Bericht über den Mathematiker Grisha Perelman bzw. über eine Biographie über ihn. Das hier ist also ein über-über-über-Artikel, ein Beispiel für den notorischen Wahnsinn im Netz, an dem vielleicht sogar Niklas Luhmann verzweifelt wäre. Aber das ist jetzt auch egal. Der Artikel trägt auf jeden Fall die Überschrift: „He Conquered the Conjecture“.

Letzte Nacht nun folgte darauf ein fulminanter Anflug von philologischem Größenwahn: Ich wühlte in alten Drucken und Handschriften herum, tippte meine Beobachtungen in den Rechner und auf einmal las ich: „He Conquered the Conjecture“. Ich war mir sicher, dass nur ich gemeint sein konnte, sogar noch als ich aufwachte. Beim Frühstück war der Größenwahn selbstredend einem normalen Arbeitselan gewichen. Immerhin aber noch etwas euphorisiert, machte ich mich an die Arbeit und überlegte mir, wie ich eine kleine Studienausgabe von Kleists Käthchen konzipieren möchte. Und bumms ist der Traum nicht einmal mehr ein Traum. Einen Moment noch denke ich: „Na gut, nix mit Eroberung, aber immerhin vielleicht der Zwerg auf den Schultern der Riesen.“ Aber jetzt, da ich sehe, wie hervorragend die Riesen gearbeitet haben, wird aus dem Zwerg eine Laus. Keine schöne Vorstellung, davon nächste Nacht zu träumen.


Uni zu Ostern

31. März 2010

Das kennt wohl jeder anständige Student und jeder eifrige Dozent: Endlich scheint wieder die Sonne, die Blümlein sprießen und die Freude auf das Sommersemester steigt. Doch die meisten Hörsäle sind noch verwaist. Was soll man tun? Bücher hat man genug in den Semesterferien gelesen, das anregende Gespräch auf dem Campus fällt aus, weil Feiertag ist. Akademische Tristesse.

Doch das muss nicht sein. Für alle angehenden und schon etablierten Bildungsbürgerinnen und -bürger bietet DRadio Wissen das ultimative Programm zur Wissenssättigung. Für alle die nicht wissen, wie Sie an die wunderbaren Podcasts kommen, gibt es von Karfreitag bis Ostermontag „Hörsaal an den Feiertagen„. Eine großartige Idee – und für die schlanke Linie ist das auch viel besser als das ewige Eier-Futtern.

Frohe Ostern!