Hebbel-Theater Berlin

23. März 2016

Nachdem ich im letzten Monat das Schillertheater nachgebaut habe, war es jetzt aus mehreren Gründen naheliegend, mir das Hebbel-Theater vorzunehmen. Zunächst schlicht deswegen, weil ich es erst zu Beginn des Monats besucht habe (im Rahmen des Müller-Festivals im HAU), so dass ich es mir noch mal aus der Nähe ansehen konnte. Dann aber auch, weil es lange die zweite große Spielstätte für Sprechtheater in Westberlin neben dem Schillertheater war (letztlich bis zum Umzug der Schaubühne an den Lehniner Platz). Außerdem hat das Haus eine besonders lange Geschichte, an die auch eine Tafel im Foyer sowie eine Miniatur des Zuschauerraums erinnern.

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Das Hebbel-Theater ist wie vielleicht kein anderes Theater der Stadt ein Spiegel der Entwicklung: Eröffnet wurde es vor gut 100 Jahren als Privattheater mit ehedem 800 Plätzen. Damals hatte Berlin offenbar noch ein Bürgertum. Während der Weimarer Republik war das Theater sehr erfolgreich, zahlreiche Stücke der klassischen Moderne wurden damals dort gespielt. Nach dem Krieg eröffnet es besonders früh, weil es weitgehend erhalten geblieben ist, was einem Wunder gleichkommt, wenn man sich seine Lage im Grenzgebiet zwischen Kreuzberg und Mitte klar macht – nur wenige hundert Meter von der Reichskanzlei, dem Potsdamer Platz und dem Anhalter Bahnhof entfernt. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde das Haus immer wieder auf unterschiedliche Weise genutzt. Heute beheimatet es eine der drei Bühnen des Hebbel am Ufer (HAU). Damit ist es ganz in der Gegenwart des postdramatischen Theaters angekommen.

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Es mit Lego nachzubauen, war in der Hinsicht eine Herausforderung, weil es ähnlich wie das Schillertheater einen zentralen Rundbau hat. Allerdings nicht wie beim Bau in der Bismarckstraße in Gestalt des Eingangs selbst, sondern über diesem. In dem Theater sorgt das dafür, dass das Foyer mit der Kasse und der genannten Holztafeln weitgehend auf künstliches Licht angewiesen ist. Auch im Garderobenraum mit den Eingängen ins Parkett ist es verhältnismäßig dunkel, was auch durch die alte Holzverkleidung unterstützt wird (das Theater würde eine ideale Kulisse für einen historischen Theaterfilm abgeben). Nur im Oberrang profitiert der Zuschauer von der hohen, gebogenen Fensterfront.

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Was mich bei diesem Projekt zudem gereizt hat, ist der Kontrast, der sich zwischen den weißen Lego-Steinen und den massiven Steinen des Originals sowohl im Hinblick auf die Farbe als auch die Oberfläche ergibt. Er führt, so mein Eindruck, vor, wie sehr der Retro-Look, den das Theater in der Stresemann-Straße vermittelt, durch das Material und die unterschiedlichen Streingrößen entsteht – und auch durch die Verfärbungen des Steins im Laufe der Zeit.IMG_4529

Nicht auszudenken, wie viel Charme das Haus verlieren würde, wenn es einst in einer glatt-weißen Oberfläche erstrahlen würde, mit der derzeit gerne Städteplaner und Architekten jeden Unterschied und alle historische Vielfalt aus den Straßenzügen zu verbannen versuchen. Das sähe dann wohl in etwa so aus:

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Konjekturalwissenschaft

11. März 2016

Denis Thouard: Die Antinomie von Recht und Philologie, in: Geschichte der Germanistik 45/46 (2014), S. 88-96, hier S. 93:

Die Philologie dagegen [im Unterschied zum Recht, KB] kann sich Zeit nehmen, weil sie sich auf der Basis der Emendatio entwickelt. Sie nimmt eine gegebene Vulgata und verbessert sie. Sie geht bis zum Verstehen der Texte, das eine unendliche Aufgabe ist [DT verweist hier auf Schleiermacher]. Sie schreitet durch Kontroversen, Auseinandersetzungen, die die Gemeinschaft ihres wissenschaftlichen Feldes bezeugen. Sie kann sich auf die grammatischen Normen einer Sprache stützen, was aber nicht reicht, um die Einzigartigkeit eines Werkes zu ergründen. Deswegen wird der Philologe versuchen, der sich zur Hermeneutik aufschwingt, die Eigengesetzlichkeit eines Kunstwerks oder eines Texts nur aus sich selbst zu entwickeln. Wenn er keinen direkten, intuitiven oder divinatorischen Zugang zu dieser Gesetzmäßigkeit des Werkes in Anspruch nehmen kann, muss er mit bloßen Vermutungen verfahren. Die Philologie ist folglich eine Konjekturalwissenschaft.


Michel Houellebecq – alt und reif?

9. März 2016

Michel Houellebecq hat jüngst mal wieder provoziert. Haben einige von Euch bestimmt mitbekommen. Kurz vor seinem 60. Geburtstag und ein Jahr nach Unterwerfung hat er sich mit dem ersten Band einer Gesamtausgabe seiner Werke von 1991-2000 beschenkt bzw. sich von Flammarion beschenken lassen. Das wurde sogar in einem umfangreicheren DPA-Bericht gemeldet, der von zahlreichen Zeitungen abgedruckt wurde. Das zeigt schon, welch herausragende Stellung Houellebecq längst auch in Deutschland hat. Interessant ist dabei, wie über die Gesamtausgabe berichtet wurde.

Im Zentrum der Berichte steht der gute Michel selbst, der als „Skandalautor“ vorgestellt, auf dessen islamfeindliche Äußerungen hingewiesen und an dessen Äußerungen über französische Spitzenpolitiker erinnert wird. Über die Gesamtausgabe erfährt man hingegen so gut wie nichts – eigentlich nur, dass sie die Publikationen der Jahre 1991-2000 umfasst, dass das Buch laut Houellebecq selbst von bescheidener Qualität sei (was ich ausdrücklich bestätigen möchte) und dass er sich für diese Gesamtausgabe entschieden habe, weil seine Leser in kleinen Wohnungen lebten und also nicht so viel Platz für viele Bücher hätten: „Mes lecteurs ont souvent de petits appartements.“

Diese an sich schon großartige Reflexion über die eigenen Leser verpufft in den Zeitungsartikeln dann leider weitgehend, obwohl sie natürlich ein Kracher sondergleichen ist: Ein Autor, der wie vielleicht kein anderer der letzten drei Jahrzehnte das Spiel mit der Autorschaft auf immer neue Höhen getrieben hat, legt den ersten Band seiner Gesamtausgabe vor, meckert über deren Qualität, als habe er da kein Sterbenswörtchen mitzureden, und legt seinen Lesern letztlich nahe, die alten Einzelausgaben seiner Bücher wegzuwerfen und als Ersatz die platzsparende Gesamtausgabe zu kaufen. Er kann halt auch auf die charmante Art witzig sein.

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Der eigentliche Witz ist freilich, dass diejenigen, die zumindest in Deutschland über dieses Buch berichtet haben, darüber schreiben, als wäre das Vorwort ein philologischer Kommentar. Am Ende wirkt es tatsächlich auch kurz so, wenn Houellebecq in wenigen Worten schildert, dass außer eindeutigen Rechtschreibfehlern die Gestalt des Erstdrucks nicht geändert wurde. Aber selbst hier hört er nicht auf zu spotten und gibt den an dem ganzen Unterfangen Desinteressierten bzw. faktisch Unbeteilligten: „Autant au fond agir en littérature comme on est bien obligé de le faire dans la vie ; je ne demande pas de seconde chance.“

In Deutschland hat man aber weniger darauf als vielmehr auf das Unternehmen ‚Gesamtausgabe‘ an sich reagiert. So finden sich raunende Äußerungen von der Ehre der Gesamtausgabe, die nur alten Autoren zuteil werde. Ins selbe Horn stößt sogar Wiebke Porombka, die in der Zeit im Unterschied zu den DPA-Kopisten eine differenzierte und kluge Position zu dem Unterfangen entwickelt und zeigt, dass sie das vierseitige Vorwort vollständig gelesen hat (bei einigen anderen Artikeln muss man das eindeutig bezweifeln). Sie hält fest: „Nun ist nicht ausgeschlossen, dass die Gesamtausgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin bereits zu dessen oder deren Lebzeiten begonnen wird. Es ist jedoch ungewöhnlich, zumal bei einem Schriftsteller, der wie der 1956 geborene Houellebecq vergleichsweise jung ist.“ Ähnlich überzeugend wie Porombka ist Jürg Altwegg in der FAZ. Er nutzt die Lektüre des Vorworts sogar zu einer bedenkenswerten These: „Die Gesamtausgabe ist auch ein verzweifelter Versuch, Houellebecq von der Islam-Obsession loszulösen, seine Bücher jenseits der Klischees und Verurteilungen zu lesen, die seine Wahrnehmung als Schriftsteller bestimmen und den Blick aufs literarische Werk verengen.“ Gleichwohl findet sich auch hier das erfurchtsvolle Geraune über die Gesamtausgabe und das Alter: „Michel Houellebecq, der an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, ist reif für eine Gesamtausgabe“, heißt es, wenn auch mit ironischem Unterton, im Vorspann des Artikels. Stellt sich nur die Frage, wann man reif ist für die Gesamtausgabe.

Beginnen wir mal mit historisch. Besonders früh reif bzw. frühreif war Gotthold Ephraim Lessing. Er begann 1753 mit der Herausgabe seiner sechsbändigen Schrifften. Bevor Ihr in Wikipedia nachguckt: Lessing war da 24. Er litt an keiner schweren Krankheit, so dass er meinen konnte, es nicht mehr all zu lange zu machen. Er war vielmehr ein recht selbstbewusstes Bürschchen und meinte, dass die Welt auf seine erste Gesamtausgabe gewartet hat. Hat sie nicht wirklich, aber das tut nichts zur Sache. Steffen Martus hat mit Blick auf Lessing und andere Autoren gezeigt, wie sehr die Herausgabe ein Akt der „Werkpolitik“ ist.

Lessing ist natürlich ein außergewöhnliches Beispiel. Aber es ist durchaus nicht so, dass Autoren in aller Regel bis zum schriftstellerischen Ruhestand warten (also bis zu ihrem Tod – mit Ausnahme von Philip Roth), bevor sie mit der Herausgabe ihrer Werke beginnen. Ähnlich selbstbewusst wie Houellebecq hat Günter Grass 1987 seine erste Gesamtausgabe präsentiert (damals noch bei Luchterhand). Übrigens zum – Ihr ahnt es – 60. Geburtstag. Und Grass hat dann, nur damit Ihr wisst, was passiert, wenn Michel es bis dahin schafft, 2007 (inzwischen bei Steidl) zum 80. eine zweite Gesamtausgabe vorgelegt. Blöd für alle, die dachten, nach 1987 kommt nicht mehr viel.

Lessing hat übrigens im ersten Band seiner Schrifften seine bis dato erschienenen Gedichte herausgegeben. Vielleicht gilt bei Lyrik insgesamt, dass man früher loslegen darf mit der Werkbildung. Durs Grünbein hat schon 2006 einen Band mit dem Titel Gedichte. Bücher I-III publiziert. Da war er 44. Seitdem wurde dieses Unterfangen aber nicht mehr fortgesetzt. Keine Ahnung, warum nicht. Als ich ein wenig überlegt habe, von welchen Autoren ich sonst noch Werkausgaben habe, sind mir mehrere Dramatiker eingefallen. Botho Strauß hat mit 47 angefangen, seine Stücke in einer mehrbändigen Werkausgabe herauszugeben, Yasmina Reza ihre Gesammelten Stücke erstmals mit 41.

Was sagt uns das? Bevor man anfängt, bedeutungsschwer zu raunen, dass einem Autor jetzt eine Gesamtausgabe gewidmet wird, sollte man sich klar machen, was die Gründe dafür sind. Das kann was mit Ehre zu tun haben, das kann was mit Wertschätzung des Autors durch seinen Verleger zu tun haben. Aber vor allem hat das etwas damit zu tun, wie sich ein Autor und sein Verlag werkpolitisch positionieren – und es hat natürlich schlicht was damit zu tun, ob Autor und Verleger meinen, damit Geld verdienen zu können. Wie so oft gilt auch hier: „It’s the economy, stupid.“ Gönnen wir Michel also zu seinem 60. Geburtstag den einen oder anderen Euro zusätzlich, ohne dass er dafür mehr tun musste, als ein vierseitiges Vorwort zu schreiben.


Barocke Vielzahl

29. Februar 2016

Vor längerer Zeit habe ich hier über Judith Zanders Lyrik-Debut oder tau geschrieben. Vor ungefähr zwei Jahren ist dann ihr zweiter Lyrik-Band manual numerale bei dtv erschienen. Viel zu spät bin ich jetzt ich endlich dazu gekommen, ihn zu lesen. Er ist wieder eine Freude, ja an manchen Stellen ein richtiger Spaß – durch komische Reime zum Beispiel: ‚teils‘ auf engl. ‚files‘. Oder durch nur einen Vers lange Gedichtchen – Sentenzen sollte man wohl besser sagen -, die an Selbstironie nicht zu überbieten sind:

heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht

Zu diesem direkten, selbstreflexiven Stil passt gut, dass Zander ihre neuen Gedichte dem Titel nach als Manual begreift. Das bedeutet aber nicht, dass man sich das Buch wie ein Tagebuch mit Datumsangaben vorstellen soll. Auch ist es nicht nach Erscheinungsorten sortiert. Stattdessen steht oben auf jeder Seite die Zahl der Verse, die das je folgende Gedicht hat. Da das Buch auch keine Seitenzahlen kennt, sind diese Zahlen das einzige Ordnungskriterium – aber eben eins, dass für die Orientierung des Lesers an sich völlig überflüssig ist. Seitenzahlen helfen mir, bestimmte Stellen in einem Buch wiederzufinden. Wenn ich ein literarisches Notiz- oder Tagebuch eines Dritten lese (wie etwa das von Max Frisch), beziehe ich Datums- oder Ortsangaben auf den Autor. Zanders Angaben zur Zahl der Verse scheinen im Unterschied zu all dem völlig überflüssig: Ob ein Gedicht kurz oder lang ist, sehe ich auf Anhieb, wenn ich die Seite aufschlage. Und ob ein Gedicht z.B. 26 oder 30 Verse hat, dürfte für die Entscheidung, das Gedicht zu lesen, kaum ausschlaggebend sein.

Was das Zahlenspiel gleichwohl bewirkt (zumindest, als ich die Gedichte gelesen habe), ist eine größere Konzentration auf die Form (zumal es keine Überschriften gibt). Ich habe immer wieder mal überprüft, ob die Zahl, die da oben steht, auch wirklich der Zahl der Verse entspricht. Zugleich unterstellt man wegen dieser Zahl dem gesamten Buch einen sehr persönlichen Zusammenhang. Die Zahlen sind rot, anders als die Gedicht-Texte. Das erinnert trotz der serifenlosen Schrift ein wenig an ein Notizheft, durch das man später noch mal zur eigenen Orientierung mit einem anderen Stift durchgeht und über dessen formale Bedingungen man sich einen Überblick verschaffen will.

Diesen persönlichen Eindruck unterstützt, dass am Ende des Buches ein „manual“ im Manual steht, in dem zahlreiche Erläuterungen, gewissermaßen Erinnerungsnotizen, zu finden sind. Sie beziehen sich auf kursive Stellen in den Gedichten, die den intertextuellen Kosmos von manual numerale markieren: Wörter, Phrasen und Sätze von anderen Schriftstellern vom Barock über Droste-Hülshoff, Sylvia Plath, die von Zander übersetzt wurde, bis Patti Smith. Allerdings sollte man deswegen nicht annehmen, dass auf diese Weise alle intertextuellen Bezüge erfasst werden. Es finden sich noch zahlreiche andere, die klug eingearbeitet sind und wie schon bei oder tau belegen, dass Judith Zanders literarischer Kosmos ein großer ist, der vom Barock bis zur Gegenwart reicht, von kanonischen Autoren bis zur Pop-Kultur.

In oder tau setzen sich viele Gedichte mit Zanders Heimat, Deutschlands Nordosten, auseinander, wie der Titel schon andeutet. Ein solches geographisches Zentrum hat manual numerale nicht, auch wenn sich weiterhin einzelne niederdeutsche Wendungen finden. Im Gegenzug scheinen mir nun mehr Gedichte in dem Sinne politischer als der Debutband zu sein, als dass jetzt sowohl mittels Form als auch Inhalt gesellschaftliche Frage thematisiert werden. So findet sich ein zunächst privat anmutendes Gedicht, in dem sich ein Ich über eine „sie“ äußert, die die „Komplizin“ ist und das Ich nicht verraten wird. Das kurze Gedicht besteht aus drei Strophen à drei Versen, die sich alle drei reimen. Durch deren jambischen Vierheber samt der männlichen Kadenzen mutet das Gedicht ähnlich filigran an wie ein Marschfoxtrott in der Tanzschule. Diese metrische Grobmotorik passt aber wunderbar zum kämpferischen Schluss, der fast schon wie ein Schlachtruf klingt:

doch fechten werden wir zu zweit
gegen die ungehobeltheit
binärer gegensätzlichkeit

Allerdings muss ich gestehen, dass diese metrisch etwas brachiale Kritik an heteronormativen Geschlechtsentwürfen nicht der eigentliche Grund ist, warum ich Zanders zweiten Lyrikband (sie hat außerdem bisher noch einen Roman geschrieben) so gerne gelesen habe.

Vor allem hat mich begeistert, wie sie sich mit der deutschen Barock-Literatur auseinandersetzt. Dass sie die gut kennt, hat schon oder tau gezeigt. Im manual numerale aber ist Zander noch vielfältiger geworden. Sie zitiert eine ganze Reihe prominenter Barock-Dichter (Gerhardt, Rist, Sibylla Schwarz, Zesen) und legt ein Sonett vor (allerdings nicht in Alexandrinern). Sie stellt sich der bukolischen Barockdichtung, wenn sie einen „landschaftsgarten“ besingt, in dem es „natürlich zugeht wie | auf arkadiens karten“, oder wenn das Ich eines anderen Gedichts eine Gruppe, ein Wir, auffordert, sich „gegensichtig [!] | schäfernamen“ zu geben und sich „hinter | pluralen clarinden-träumen“ hervorzurufen [sic]. Dabei wirken die Gedichte nie oberlehrerhaft oder angestrengt. Vielmehr sind Zanders Gedichte immer wieder sehr locker und wie nebenbei komponiert, so dass man sie leicht in ihrem Facettenreichtum unterschätzt:

ich bin die more-soldatin
und zieh von früh bis spat gen
utopia

Selbstverständlich erinnert Zander mit diesem Gedicht nicht nur an den Begründer der utopischen Literatur, Thomas Morus. Zugleich ahmt sie das Moorlied der KZ-Häftlinge Börgermoor nach („Wir sind die Moorsoldaten | und ziehen mit dem Spaten | ins Moor.) und daran, dass die utopische Sehnsucht, die das Ich als Gefolgsfrau von Morus („more-soldatin“) artikuliert, keine Erfüllung finden wird. So stimmt denn das manual numerale oft nachdenklich, auch wenn es seine Leser in vielen Gedichten und mittels spannender Formverspieltheiten gerne schmunzeln lässt und ästhetisch herausfordert. Ein Buch also, das nicht nur zahlreich ist, wie der Titel verspricht, sondern auch vielfältig wie nur wenige andere Werke der aktuellen Lyrik.

 


Die letzte Wendung des Cultural turn

31. Januar 2016

Der Cultural turn hat, so die Meinung nicht weniger, in den letzten rund 15 Jahren erhebliche Bereiche des ehedem als ‚geisteswissenschaftlich‘ bezeichneten Wissenschaftsbetriebs verändert. Nach Meinung einiger zum Guten, nach Meinung anderer zum Schlechten. Auf den Cultural turn folgten nicht wenige weitere ‚Wenden‘, die manche als Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung, manche gar als das nächste heiße Ding betrachteten. Andere haben all das als kalten Kaffee abgetan oder gar als akademische Phrasendrescherei gebrandmarkt. Zweifellos ein lustiges Treiben auf dem Jahrmarkt der akademischen Eitelkeiten, bei dem nicht selten der Eindruck aufkam, dass es bei all dem gar nicht mehr um die Sache ging, sondern nur noch darum, das Hamsterrad am Laufen zu halten. Doch egal, wie man zu all dem steht – Fakt ist, dass es wohl noch nie derart viele Menschen gab, die sich professionell mit Kultur beschäftigen wie gegenwärtig.

Im Kontext all dieser Wendungen und Windungen wurde natürlich breit diskutiert, was Kultur eigentlich ist und wie sie analysiert werden kann. Uwe Wirth hat in seinem Suhrkamp-Reader Kulturwissenschaft (Frankfurt/Main 2008, S. 64) beispielsweise festgehalten:

Kultur als selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe ist ein Gewebe aus ‚Konjekturen und Projektionen‘, dessen Mythen, Metaphern, materielle Bilder, ideologische oder epistemische Weltbilder sind. Dieses konjekturale Gewebe impliziert wiederum ein Geflecht von kulturspezifischen Handlungsweisen respektive ‚Praktiken‘.

Andere haben es sich leichter gemacht und verweisen auf die begriffsgeschichtlich relevante Opposition von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘. Wer’s etwas emphatischer mag, verknüpft zudem, wie seit Heinrich Rickerts Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft (zuerst 1899) nicht unüblich, ‚Kultur‘ mit der Pflege von ‚Werten‘. Gerade dieser wertphilosophische Kultur-Begriff, so scheint mir, hat sich aufgemacht, um dem Elfenbeinturm den Rücken zuzukehren, was angesichts der Vielzahl von Kulturwissenschaftlern und -historikern aktuell vielleicht gar nicht so bemerkenswert ist. Vor allem aber hat sich, so zumindest mein Eindruck, das Sprechen über Kultur massiv intensiviert. Heute ist alles Kultur und jeder äußert sich dazu.

Menschen, die mich immer mal irritiert angeschaut haben, wenn ich von meiner Profession erzählt habe, und mit ihrer Körpersprache andeuteten, für wie irrelevant sie das halten, erklären mir jetzt Kultur. Bevorzugt die Vorderasiens und Nordafrikas. Zugegeben – davon habe ich so gut wie keine Ahnung. Das Problem ist nur: Die Kulturerklärer kennen sich damit entweder so wenig aus wie ich oder sie haben dort höchstens ihre Füßchen ins Mittelmeer gehalten und von der Kultur vor Ort nur mitbekommen, dass die Kellner manchmal nur Englisch und nicht Deutsch sprechen. Letztens meinte eine Kulturerklärerin zu mir ernsthaft, sie überlege Türkisch zu lernen, um mit ‚denen‘ über den Koran zu diskutieren. Mein Hinweis, dass es dann besser sei, Arabisch zu lernen, hat sie überfordert.

Ich finde nicht, dass man zwingend wissen muss, in welcher Sprache ein heiliger Text geschrieben ist, auch wenn ich zugestehen muss, dass ich mal zusammengezuckt bin, als mir in einer Klausur erklärt wurde, dass die Bibel ‚eigentlich auf Latein‘ verfasst sei. Schlimm ist, wenn man sich seiner fehlenden Bildung nicht bewusst ist und das nicht nur mit Phrasen kaschiert, sondern sich sogar für gebildeter hält als die, über die gesprochen wird.

Eben das passiert, wenn von ‚unserer‘ und ‚deren‘ Kultur gesprochen wird. Rassistische Phrasen sind in dieser Hinsicht wenigstens ehrlich. Rassismus spricht unumwundern von der ‚Natur‘ bestimmter Menschentypen. Einem solchen vermeintlich naturwissenschaftlichen Rassismus frönen heute nur wenige Menschen. Er lässt sich benennen, zu ihm kann man sich politisch verhalten oder auch nur den Kopf schütteln. Auf jeden Fall ist er recht gut erkenn- und benennbar.

‚Kultur‘ hingegen ist mit Bezug auf menschliche Gemeinschaften und ihre Werte ein durch und durch positiv konnotierter Begriff. Wird er ohne Differenzierung öffentlich geäußert, kann er alles mögliche meinen und auf ganz unterschiedliche Weise verstanden werden. Wer von ‚Kultur‘ spricht, benennt nicht etwa ein politisches Problem oder deutet vielleicht gar an, wie ein politisches Problem gelöst werden kann. Wer von ‚Kultur‘ gegenwärtig spricht, verschleiert vielfach die eigene politische Meinung und diskriminiert mittels des Kulturgeredes. Der Verständnis heuchelnde kleine Bruder vom Kulturgerede ist übrigens der Hinweis, dass ‚die‘ erst lernen müssen, mit unserer Freiheit umzugehen.

Gestern habe ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn die Zehn Gebote an das Kulturgerede angepasst würden. Das 7. Gebot z.B.: „‚Die‘ müssen verstehen, dass man in unserer Kultur nicht einfach das Portemonnaie einem anderen Menschen aus der Hosentasche zieht.“ Ist vielleicht ein blödes Beispiel, macht aber klar, dass das Kulturgefasel davon ablenkt, dass Diebstahl – soweit ich sehe – nirgendwo auf der Welt akzeptiert ist und z.B. in den Ländern, mit denen die neuen Kulturkenner so bewandert zu sein meinen, deutlich härter bestraft wird als in Deutschland.

Doch was heißt das für den Elfenbeinturm, der meinem Eindruck nach mit seinem inflationären Gebrauch von ‚Kultur‘ seinen Teil dazu beigetragen hat, dass das Gerede von der Kultur sich dermaßen unreflektiert ausgebreitet hat?

Zunächst dürfte klar sein, dass ‚Kultur‘ kein verlorenes Schäfchen ist, dass sich mit ein paar klugen Hütehunden wieder heim in die heilige Academia treiben lässt. Heißt das nun im Umkehrschluss, dass der Elfenbeinturm gut beraten wäre, eine Zeitlang auf den Begriff zu verzichten? Das wäre vielleicht die bequemste Lösung. Doch ist natürlich unklar, ob das was bringt, eben weil das Schäfchen längst entwischt und dabei ist, kleine zauselige Lämmchen in die Welt zu setzen.

Zudem sollte ein zentraler Begriff der letzten Jahre nicht einfach aufgegeben werden, weil er aktuell radikal banalisiert und diskreditiert wird. Wer die ‚Kultur‘ professionell erforscht, muss auf ihrer Komplexität bestehen und dem Gerede von der Kultur begegnen. Sonst wird aus dem Gerede eine neue Wende, die weder den Freunden des Cultural Turns noch seinen Gegnern ein Anliegen sein dürfte.

Und wir, die wir uns professionell mit Kultur beschäftigen und dafür übrigens häufig von der Gesellschaft bezahlt werden, müssen auf unserem professionellen Wissenvorsprung beharren, was Kultur kennzeichnet und ausmacht. Wir sind es allein schon unserem Beruf und unserem Forschungsgegenstand schuldig, diesen Vorsprung gegenüber allen zu reklamieren, die zu wissen meinen, was ‚Kultur‘ ist – zumal ‚deren‘ und ‚unsere‘. Deutschland hat schon 80 Millionen Bundestrainer. Es steht vor Aufgaben, die sich bestimmt nicht dadurch lösen lassen, wenn aus all den Bundestrainern auch noch Kulturwissenschaftler werden.


Leseliste und Lektüre

17. Januar 2016

Ein Jahr lang habe ich hier am Anfang eines Monats eine Übersicht darüber gegeben, was ich im vergangenen gelesen habe. Einige von Euch haben das einigermaßen regelmäßig verfolgt, wenn ich den Statistiken, die mir WordPress zur Verfügung stellt, trauen darf. Einge haben auch immer mal kommentiert oder ein kleines Sternchen verteilt. Das hat mich sehr gefreut, vielen Dank.

Erstellt habe ich die Listen, um ein Beispiel dafür zu geben, wie bei einem professionellen Leser private und berufliche Lektüren ineinander gehen. Manch einer von Euch mag sich gesagt haben: „Der liest aber wenig echte Literatur, dafür dass er Literaturwissenschaftler ist.“ Andere werden sich gefragt haben, warum ich nun gerade dieses und nicht jenes Buch lese (die Proust-Leser z.B. mögen verwundert gesehen haben, dass ich die Reclam-Übersetzung lese und nicht die von Suhrkamp).

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Vor allem aber ist mir beim Erstellen der Listen erst richtig klar geworden, wie sehr ich eklektisch lese. In den Listen habe ich ausdrücklich nur die Bücher aufgeführt, die ich vollständig gelesen habe. Das führt beispielsweise dazu, dass sich verhältnismäßig viele Comics in den Listen finden. Ich lese im Durchschnitt einen Comic pro Monat, denke ich. Aber den lese ich natürlich ganz und kaum mit professionellem Interesse. Comics sind deswegen ein gutes Beispiel für Bücher, die ich ganz lese, von vorn bis hinten. Bücher, die ich vor allem für die Arbeit lese, lese ich deutlich auswählender und gezielter. Deswegen finden sich in der Leseliste vor allem die Fachbücher, die ich für Fachzeitschriften rezensiert habe. Aber nur ganz wenige andere Fachbücher, weil ich die eben nicht von vorn bis hinten durchgelesen habe.

Ich habe diese Listen vor einem Jahr angefangen, um ein Beispiel für solche unterschiedlichen Lektüreweisen zu geben. Inzwischen gibt es zu diesem Thema einen sehr guten Artikel von meinem Freund und Kollege Carlos Spoerhase in der FAZ. Carlos macht dort klar, dass das inzwischen vielfach herrschende Gejammer über die fehlende Zeit für die Lektüre oftmals darauf verweist, wie selten man ein Buch vollständig lese. Wie sehr das an den Motiven und Zielen professionellen Lesens vorbeigeht, erklärt der Artikel sehr gut.

IMG_1206Mir ist das beim Erstellen der Listen immer wieder klar geworden, wenn ich interessante Bücher gelesen habe, die ich nicht ganz gelesen habe und auf die ich hier sehr gerne hingewiesen hätte, weil es sehr gute Bücher waren. Aber das hätte nicht dem Konzept der Listen entsprochen und so habe ich es unterlassen.

Natürlich habe ich auch überlegt, hier im kommenden Jahr im Gegenzug Listen zu erstellen, welche Bücher ich nicht vollständig gelesen habe. Aber da stellt sich das Problem der Begrenzung: Im Januar habe ich siebenmal im Duden gelesen, fünfmal im Georges und einmal in der Gebrauchsanweisung von der Kaffeemaschine? Nehme ich einen Sammelband mit einem Beitrag von mir auf, wenn ich nur prüfe, ob die Fahnenkorrektur zuverlässig umgesetzt worden ist?

Ich werde mich deswegen ganz neuen Aufgaben zuwenden. Zum einen habe ich mir fürs neue Jahr vorgenommen, mehr Lyrik zu lesen. Davon soll hier demnächst mehr zu lesen sein. Zum anderen habe ich begonnen, bekannte Schauspiel- und Opernhäuser mit Lego Architecture nachzubauen. Die Instagram-Fotos davon waren und sind hier am Rand bereits zu sehen. Auch dazu könnt ihr hier demnächst mehr lesen und sehen. Bis bald also.IMG_4380


Leseliste Dezember

2. Januar 2016

8.12.2015 Christian Fürchtegott Gellert: Die Zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel von drei Aufzügen. Hg. v. Horst Steinmetz. Stuttgart 1995. Habe ich für mein Einführungsseminar gelesen. Hatte ganz vergessen, wie pointenlos dieses Stück ist.

10.12.2015 Moritz Rinke. Wir lieben und wissen nichts. Ein Theaterstück. Reinbek bei Hamburg 2013. Wiedergelesen für mein Rinke-Seminar.

26.12.2015 Mike Doyle: Faszinierende Lego-Welten. Ravensburg 2015. Ein Weihnachtsgeschenk, das ich gleich begeistert durchgelesen habe.

27.12.2015 Wolfgang Herndorf. Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman. Berlin 2014. Auch ein Weihnachtsgeschenk. Es zu lesen, stimmt immer noch so traurig. Der Mann mit der grünen Trainingsjacke fehlt.

28.12.2015 Armin Greder: Die Insel. Mit einem Nachwort von Heribert Prantl. Frankfurt/M. 2015. Ebenfalls ein Weihnachtsgeschenk. Plakative Graphic Novel über den Umgang mit Fremden.

 


Leseliste November

1. Dezember 2015

9.11.2015 Christian Fürchtegott Gellert: Leben der schwedischen Gräfin von G***. Hg. v. Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart 2012. Habe ich für mein Einführungsseminar gelesen. Lustigerweise habe ich das Buch zum ersten Mal in einem Proseminar zu Beginn meines Studiums gelesen.

11.11.2015 Martin Luther: An den christlichen Adel deutscher Nation. Von der Freiheit eines Christenmenschen. Sendbrief vom Dolmetschen. Hg. v. Ernst Kähler. Stuttgart 2012. Habe ich für mein Frühneuzeit-Seminar gelesen. Zugleich eine willkommene Vorbereitung auf einen Vortrag in der kommenden Woche.

23.11.2015 Michel Houellebecq: Unterwerfung. Aus dem Franz. von Norma Cassau, Bernd Wilczek. Köln 2015. Ein Versuch, mich irgendwie dem 13.11. zu stellen. Aber da der Roman nicht mehr als ein paar Altherren-Phantasien zusammenfabuliert, ist der Versuch gescheitert. Völliges Unverständnis für die Begeisterung über den Roman in der Kritik.

27.11.2015 Marcel: Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 2: Im Schatten junger Mädchenblüte. Übers. u. Anm. Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart 2014. Die Fortsetzung von meinem Vorhaben, mich umfassend in Prousts Jahrhundertroman einzulesen.

29.11.2015 Henry D. Thoreau: Kap Cod. Mit einem Essay von Illja Trojanow. Wien 2014. Am 28.11. begonnen, gleich abgeschlossen. Eine Mischung aus Impressionen zur Halbinsel vor Boston und aus enzyklopädischen Details zur ihrer Geschichte. Zugleich eine schöne Erinnerung an meiner Urlaub dort vor drei Jahren. Trojanows Einleitung bringt die Insel heute auf den Punkt.

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