Gestrandet

3. September 2010

Vor ein paar Tagen habe ich in einer kleinen Buchhandlung ein Bändchen mit vier Erzählungen von Wolfgang Hilbig gefunden, Grünes grünes Grab aus dem Jahr 1995, noch mit DM-Auszeichnung, wie aus einer anderen Welt. Und das Büchlein nahm mich gleich an die Hand und führte mich in noch eine andere Welt. In der ersten Erzählung, Fester Grund (datiert auf 1984), verpasst ein Mann in Leipzig seinen Zug nach Berlin und muss drei Stunden in der Bahnhofskneipe warten. Die hatten noch Zeit, denke ich. Die Geschichte schildert, wie der Ich-Erzähler wartet, ein paar Kaffee mit Weinbrand trinkt und eigentlich nur raus aus dieser Stillstandshalle will, in der es anderen so gut gefällt. Trotzdem bleibt er sitzen, obwohl er weiß, dass sein nächster Zug ihn gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zu seiner Tochter bringen wird. Ohne Zweifel eine Allegorie auf die DDR, auf die „Übergangsgesellschaft“, wie sie Volker Braun so beeindruckend zur gleichen Zeit dramatisierte.

Als ich die Geschichte lese, sitze ich im zugigen Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Die Bahn kann mir, da der Zug, der mich hierher brachte, 20 Minuten Verspätung hatte, erst wieder eine Verbindung in gut zwei Stunden liefern. Es ist nicht all zu spät am Abend, mein Zug nach Gießen kommt vorher an Marburg vorbei. Zwei Uni-Städte und trotzdem keine Verbindung im Stundentakt, außer freitags – wenn alle Welt Marburg und Gießen verlässt und nicht etwa dahin will. Heiliger Fahrplan. Ich bin ratlos. Soll ich’s auch mal mit Kaffee und Weinbrand versuchen? Selbst wenn ich es wollte, solche Wartehallen mit fiesem Filterkaffee, Frittenfett und Fusel in der Luft und auf den Tischen gibt es nicht mehr. Weil die Übergangsgesellschaft nicht mehr ist? Auch im Westen gab es sie. Aber man sieht sie nicht mehr, damit ihr fieser Dunst den freien Blick auf den schicken Sichtbeton nicht mehr behindert.


Insel-Dasein

22. August 2010

Berlin-Romane hat es in den letzten Jahren ja viele gegeben. Und eigentlich ist es völlig blödsinnig, sich einen zu kaufen, der auch noch Grunewaldsee heißt.

Da wusste ich eigentlich schon, was mich erwartet: Noch eine prosaische Liebeserklärung an noch einen anderen Flecken in der Stadt, noch eine verschrobene, wenn nicht gar gescheiterte Akademiker- oder Künstler-Figur, noch eine komplizierte, wenn nicht gar tragische Liebesgeschichte, an deren Ende der Held einsam und verlassen in der großen fremden Stadt, in die er einst mit so viel Hoffnungen gezogen ist, zurückbleibt. So wie Keimzeit einmal texteten:

Es ist nicht gelogen es ist die Wahrheit:
Der eigentliche Berliner ist zugezogen
Über einen kurzen oder einen weiten Bogen
Irgendwann in diese Stadt gezogen.

Schnell war dann auch noch klar, der Roman spielt Ende der 80er: Wendezeit und den netten Paul, der auf seinen Referendariatsplatz als Geschichtslehrer wartet, interessiert das nicht die Bohne. Kenne ich auch, Sven Regener lässt grüßen.

Kenn ich alles, alles, alles, denke ich beim Lesen. Und warum lege ich das Buch dann nicht weg? Ich bin doch kein „Was-man-anfängt-muss-man-auch-zu-Ende-lesen“-Leser. Also weg damit. Geht aber nicht.

Und das liegt nicht daran, dass der Protagonist Paul heißt, aus Niedersachsen kommt, das Ganze immer auch wieder sehr komisch erzählt ist und der Autor in Leipzig am Literaturinstitut unterrichtet. Auch das kommt mir bekannt vor, nur dass das vorliegende Buch nicht Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, sondern eben Grunewaldsee heißt.

Was mich bei der Stange hält, ist Pauls seltsame Liebe zur Pfaueninsel. Das ist nun tatsächlich mal was Besonderes, denke ich. Dieser Paul macht nicht gerade den Eindruck, als hätte er seinen Wolf Jobst Siedler immer im Sakko stecken (ja er trägt nicht einmal eins). Trotzdem liebt er die Pfaueninsel, beneidet sogar eine frisch habilitierte Freundin um ihren Job als Führerin auf der Insel, obwohl die ihre Arbeit ganz fürchterlich findet und auch dementsprechend schildert.

Aber mir hat diese Liebe zur Pfaueninsel eingeleuchtet. Paul mag ihre künstliche Natürlichkeit, die Überschaubarkeit und zugleich auch diese Spuren von Geschichte, die trotz aller musealer Bemühungen irgendwie nicht funktionieren, wenn man am anderen Ufer die Grenzer in Sacrow zumindest ahnte. Die Pfaueninsel ist für ihn eine Art Utopia, eine Art Fluchtraum, der sinnbildlich für seine Sehnsüchte steht, die er sich nicht eingesteht und vor denen er immer wieder in seine bescheidene Kreuzberger Wohnung flieht. Paul möchte so gerne Wolf Jobst Siedler lesen und gleichzeitig Rio Reiser hören, ohne dass er sich dafür rechtfertigen muss. Aber er macht es nicht und gibt sich einer Liebe hin, die letztlich aussichtslos ist. Ein Buch für Melancholiker also.

Was das alles aber mit dem Grunewaldsee zu tun hat, sollte man selbst lesen. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass das Jagdschloss oder ein paar Hunde noch eine Rolle spielen, aber das Buch ist eben nicht so erwartbar, wie ich anfangs dachte!


Erzählung und Erzählungen

16. August 2010

Wann wird aus mehreren Erzählungen eine Erzählung?

Vor langer Zeit, als am Prenzlauer Berg noch nicht die Spielplätze blühten, sondern junge Erwachsene Etagenklos spannend fanden, machte sich Ingo Schulze nach New York auf, um Raymond Carver zu entdecken und von dort aus kaleidoskopartig Simple Storys von der Wende zu erzählen. Das waren Geschichten, die im ersten Moment wie einzelne Erzählungen anmuteten, die aber tatsächlich ganz virtuos miteinander verknüpft waren und so ein wunderbares Ganzes erzählten – obwohl sie gerade nicht am Prenzlauer Berg spielten, sondern in der ostdeutschen Provinz. Schulze war und ist ein Meister kleiner Prosaerzählungen, die er immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise zusammenfügt, so dass man am Ende der Lektüre das Buch aus der Hand legt und nur staunt angesichts seiner Fähigkeit, aus Details und kleinen Erzählungen eine große Geschichte, wenn nicht gar einen Roman fügen zu können.

Wie ein Gegenentwurf zu Schulzes Erzählkunst erschienen mir in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende die beiden Bücher mit Erzählungen von Judith Hermann, Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster, obwohl auch sie offenbar an Carver geschult waren. Hermann blickte nicht in die Provinz, sondern auf den Prenzlauer Berg. Sie war die Erzählerin der westdeutschen Kolonialherren und -damen, die niemals aggressiv das fremde Land samt seiner Etagenklos in Besitz nahmen, aber nie versuchten, die Natives zu verstehen, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigten waren. Bezeichnenderweise wurde wohl niemals häufiger in der deutschen Literatur geraucht, als bei Judith Hermann.

Die aus dieser Landnahme resultierende Unübersichtlichkeit versuchte sie gar nicht erst zu einer großen Erzählung zusammenzufügen. Sie schilderte Fragmente, lakonisch, sparsam, oft in Ein-Wort-Sätzen. Das war faszinierend, es hatte den Reiz von Schnappschüssen – so war zumindest immer mein Eindruck. Herrmanns Prosa fing Momente ein, von denen ich immer wieder meinte, dass sie mir irgendwie bekannt vorkamen. So ganz habe ich nie verstanden, wie sie das schafft. Und trotz dieser Faszination habe ich Schulzes Bücher mit ihrer feinen wie umfassenden Komponiertheit immer mehr geschätzt als die Erzählungen von Herrmann.

Trotzdem war ich sehr neugierig, als ich hörte, dass Judith Herrmann ein neues Buch, Alice, veröffentlicht hat. Erstmals erzählt sie darin nämlich eine Geschichte, die der Titelheldin, wie ich irgendwo hörte. Ein Novelle, ein Roman gar von Judith Hermann? Ich war sehr gespannt.

Nun weiß ich nicht mehr, wo ich diese Information gelesen habe. Als ich anfing zu lesen, wurde mir zumindest umgehend klar, dass es sich nicht um die Geschichte von Alice, sondern um fünf Geschichten über Alice handelt, die allesamt um das gleiche Thema kreisen: um den Tod eines von Alice geschätzten oder gar geliebten Mannes.

Diese Männer sind sehr unterschiedlich, leben an unterschiedlichen Orten und Alice‘ Verhältnis zu ihnen war und ist auch ganz unterschiedlich. Gemeinsam haben sie eigentlich nur, dass sie spätestens am Ende des jeweiligen Kapitels, das immer auch den Namen des entsprechenden Mannes trägt, tot sind. Ihrem Verhältnis zu den Männern entsprechend, verhält sich Alice zu den Toden und Toten ganz unterschiedlich. Es ist also in erster Linie die Titelfigur, die den Eindruck erweckt, dass die fünf Erzählungen eine Geschichte in fünf Kapiteln ist. Doch lässt sich tatsächlich derart leicht ein Ganzes erzählen?

Alice ist in vielerlei Hinsicht ein Buch, wie es nur Judith Hermann schreiben kann. Wieder wird sehr sparsam und lakonisch erzählt (manchmal geradezu ignorant, wenn etwa das Kind einer Freundin immer nur „das Kind“ und ein Reisebegleiter nur „der Rumäne“ heißt), wieder haben ihre Figuren nur wenige Verpflichtungen, wieder ist Berlin ein Zentrum der Handlung. Geändert hat sich eigentlich nur, dass die Figuren viel weniger rauchen und dass Alice etwas älter ist als die meisten Hauptfiguren in den ersten beiden Büchern. Man bekommt also scheinbar Gewohntes serviert, das man mag oder auch nicht – wäre da nicht dieser eine Unterschied zum Bisherigen, dass die Erzählungen letztlich eine Erzählung sind.

Und weil Vieles so bekannt ist, wird die Veränderung so bewusst wahrgenommen. Ja, mir erschien es sogar so, dass Hermann mit dem neuen Buch regelrecht experimentiert. Ihre Frage lautet: Wie viele Verbindungen muss ich zwischen einzelnen Erzählungen mindestens herstellen, damit sie nicht mehr als einzelne, sondern als ein Ganzes wahrgenommen werden?

Letztlich zeigt sich, dass es kaum zusätzlicher Verknüpfungen bedarf, wenn im Zentrum jeweils die gleiche Hauptfigur steht, auf die die Erzählung jeweils ganz und gar fokussiert ist. In einigen Kapiteln blitzt kurz einmal die Erinnerung an eine vorherige Geschichte auf, sonst aber ist Alice‘ Gegenwart im wahrsten Wortsinn geschichtslos.

Nur im letzten Kapitel, da der Rumäne wieder in Alice‘ Leben tritt, fügen sich verschiedene Situationen ineinander, stellen sich Beziehungen her, die nicht über Alice laufen. Aus den Geschichten mit einer Frau wird für einen Augenblick zumindest ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte einer Frau – ganz so als wollte Hermann all ihren Kritikern, die ihr immer wieder vorwerfen, dass sie bis heute keinen Roman vorgelegt hat, sagen: „Seht her, ich kann schon die großen Zusammenhänge erzählen, aber ich will es nicht.“ Vielleicht sollte die Kritik das endlich akzeptieren und stattdessen das lesen, was vorliegt.

Alice kehrt dem Rumänen, dessen Zigarettenglut in der Nacht noch lange zu sehen ist, übrigens schließlich den Rücken zu und geht zurück in ihre Wohnung irgendwo in Berlin. Vermutlich hat die kein Etagenklo mehr, aber sonst wird dort alles sein wie immer.


E-Books

21. Mai 2010

In letzter Zeit  habe ich zweimal erlebt, dass ein Bekenntnis zum ‚echten’ Buch abgelegt wurde, obwohl das in keiner Weise zum Anlass der Veranstaltung passte – einmal bei der Eröffnungsrede einer Tagung, einmal bei einer Festveranstaltung. Der Zweck der Bekenntnisse war derselbe: Der Redner wollte den im Auditorium versammelten Literaturwissenschaftlern und Historikern zurufen: „Ich kenne Ihr Medium und bin auf Ihrer Seite!“ Ganz so, als bedrohte das E-Book die Geisteswissenschaften. Dieses Bekenntnis wurde dann in beiden Fällen um eine private Nuance ergänzt: „Auf meinem Nachttisch liegt auch weiterhin das gute alte Buch!“

Doch warum dieses Bekenntnis? Zumal sich die Frage stellt, ob Redner und Auditorium überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Ich kenne zumindest niemanden, der einen E-Book-Reader besitzt. Ich habe sie mir zwar auf der CeBIT angesehen, und von Zeit zu Zeit sieht man mal einen im Zug, aber das war’s. Einen Boom haben sie wahrlich nicht ausgelöst. Und erst recht keine Revolution, die ein Bekenntnis notwendig machen würde. Aber vielleicht ändert sich das ja bald, wenn elektronische Bücher anfangen, die Möglichkeiten des Mediums auch wirklich auszureizen – Perlentaucher hat darüber jüngst geschrieben. Sieht aber nicht so aus, als würde das das Ende der geisteswissenschaftlichen Arbeit bedeuten. Vielleicht geben elektronische Bücher der Forschung auch ganz neue Impulse. Wir werden sehen.

Auf jeden Fall sieht es aber derzeit, wie gesagt, noch ganz anders aus. E-Books sind nicht gerade das, was man einen Erfolg nennt. Das liegt gewiss nicht zuletzt daran, dass die Reader nicht ganz billig sind. Warum soll ich mir ein Gerät kaufen, das fast so viel kostet wie ein Netbook, um dann Bücher-Datensätze zu kaufen, die meistens genauso teuer sind wie die gedruckten Bücher (Buchpreisbindung!)?

Klar: Man kann sich bei google books inzwischen unheimlich viele alte Bücher als pdf- oder epub-Datei herunterladen. Aber das ist ein wenig wie mit den Gesamtausgaben, die man sich irgendwann mal ins Bücherregal stellt: Man ist ganz froh, in ihnen nachlesen zu können, aber man kauft sich keine Gesamtausgabe, um sie in der Freizeit mal kurz durchzulesen (bei Büchner oder Kleist kann man das noch versuchen, aber bei Goethe?).

Nein, google books ist kein Argument für einen E-Book-Reader, und mir fiel bisher auch partout kein anderer ein. Aber seit einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen kenne ich zumindest ein Argument fürs E-Book. Ich habe mir nämlich aus Neugier den Datensatz von Andre Hesses Die Schwester im Jenseits gekauft und mir dazu die Adobe Digital Editions heruntergeladen – ein Leseprogramm für epub-Dateien.

Ich saß abends im Zug und hatte irgendwann Lust, den Krimi zu lesen. Dann habe ich meinen Rechner aufgeklappt, die Ansicht auf maximale Vergrößerung gestellt und angefangen zu lesen. Eine wunderbare Sache. Die Buchstaben waren natürlich viel größer als bei jedem Taschenbuch und die Hintergrundbeleuchtung vom Bildschirm machte mich komplett unabhängig vom funzeligen Oberlicht im IC. Natürlich kann man sich mit dem Rechner auf den Knien nicht so gut in den Sitz lümmeln, aber daran war, da ich einen Gangplatz hatte und dort viele Menschen ohne Reservierung hockten, eh nicht zu denken. Ich bin mir seit dieser Fahrt sicher: Der (übrigens hervorragende) Krimi von Hesse war nicht das letztes E-Book, das ich mir gekauft habe. So, jetzt habe ich auch mal eine Bekenntnis abgelegt! Auch wenn der Nachttisch eine Domäne von Papier-Büchern bleiben wird, die nächste Bahnfahrt kommt nämlich bestimmt.


Symbolik des Sehens

17. Mai 2010

Gestern habe ich Ibsens Wildente im Deutschen Theater Berlin gesehen – von Michael Thalheimer inszeniert. Er hat das Stück wie schon in seinen vorherigen Arbeiten skelettiert, ohne es zu töten. Seine Arbeit gleicht einem Untoten, der anmutig laufen kann, obwohl ihm Muskeln und Sehnen fehlen, und der eigentlich klappern müsste, dass einem angst und bange wird. Nach gut anderthalb Stunden war Schluss, aber man hatte nicht eine Sekunde den Eindruck, auch nur ein Detail des Dramas verpasst zu haben.

Wesentlich für die Inszenierung ist das Bühnenbild. Auf der Drehbühne ist ein gewaltiger Zylinder angebracht, dessen obere kreisrunde Fläche schräg abfällt, so dass man vom Parkett aus mal eine leicht gekrümmte Wand sieht, die den Blick auf den eigentlichen Bühnenraum versperrt und die Schauspieler an die Rampe zwingt. Wird der Zylinder um 90° gedreht, sieht man eine Schräge, die den Blick in den Bühnenraum diagonal von oben links nach unten rechts durchschneidet. 90° weiter sieht man eine Schräge, die von der Rampe nach hinten gewaltig ansteigt, so dass die Figuren, die sich doch so nah sein sollen, nicht nur weit entfernt voneinander, sondern auch in ganz unterschiedlicher Höhe stehen, sitzen, hocken. Olaf Altmann hat dieses geometrische Experiment genial eingerichtet.

Schon dieser Bau kündigt an, dass es hier ums Sehen geht. Jeder, der das Stück kennt, weiß, dass eine derart offensive Thematisierung der Perspektive mit dem Inhalt korrespondiert. Schließlich möchte der wahrheitsverliebte Gregers Werle seinem Freund Hjalmar Ekdal die Augen öffnen: Nicht Hjalmar ist der Vater der süßen Hedvig, sondern Gregers Vater, der ein skrupelloser Mensch war und vielleicht noch ist, weswegen sein Sohn mit ihm bricht.

Gregers Abscheu gegen seinen Vater hat ihn zu einem fürchterlichen Prinzipienreiter gemacht – zu einem Menschen, den man auf keinen Fall in seinem Freundeskreis haben will, denn er verkündet nicht nur schonungslos jede Wahrheit ungefragt. Vor allem geht ihm jedes Taktgefühl für das Gefühlsleben seiner Mitmenschen ab. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das ist Gregers Lebensmotto. Aber wo nur sie herrscht, da folgen die Kollateralschäden zwangsläufig. Nachdem Gregers ihr was von einem Opfer erzählt hat, erschießt sich die kleine Hedvig, um ihre Liebe zu ihren Eltern zu beweisen.

Thalheimer verzichtet in seiner Inszenierung wie üblich auf Aktualisierungen und politische Bezugnahmen, zu denen sich das Stück gewiss eignen würde. Gregers ist ein Wahrheitspedant – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Katastrophe ist privat, und das Private ist nicht politisch.

Dass niemals der Verdacht aufkommt, es könnte anders sein, liegt an Sven Lehmann, der den Gregers ganz dezent und unaufdringlich spielt, so dass die geballte Ladung Wahrheitssehnsucht nicht nur glaubwürdig, sondern regelrecht zwingend erscheint. Lehmanns Gregers ist einer, der von der Ehe seiner Eltern traumatisiert zu sein scheint und seine einzige Lebensaufgabe darin sieht, die Wahrheit ins rechte Licht zu setzen. Dabei wirkt er niemals komisch oder wie die Karikatur eines Pedanten. Gleichzeitig weckt Lehmanns Spiel auch niemals Mitleid für den Mann mit der schweren Kindheit, auf die sonst so gerne verwiesen wird, um erwachsene Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Hedvig sich das Leben nimmt. Gregers ist schuld, gerade weil er weiß, was Leid heißt.

Am Ende schleicht Lehmanns Gregers von der Bühne, gebeugt, voran tastend – ganz so, wie es sein erblindender Vater und seine erblindende Halbschwester Hedvig das ganze Stück über tun. Gerade in dieser Schlussszene zeigt sich noch einmal die ganze schauspielerische Brillanz Lehmanns. Eine leichte Wölbung der Schultern und eine knappe Geste des Tastens genügen, und jeder im Publikum weiß, dass der Mann, der Hjalmar sehen machen wollte, in Wirklichkeit der Blinde ist.

Thalheimer setzt damit einen symbolischen Schlusspunkt, der vielleicht zu viel des Guten ist, weil er das eh schon symbolgesättigte Drama überfrachtet. Letztlich kommt mit dieser Schlussszene etwas zum Ausdruck, was die Inszenierung an Gregers brandmarkt: das von Selbstzweifeln freie Selbstbewusstsein, genau zu wissen, was man sehen muss und was man vom Gesehenen zu halten hat.

Vielleicht aber wollte Thalheimer auch gerade einen solchen Impuls provozieren: sich frei zu machen, von den Menschen, die uns sehen machen wollen und vorgeben, den einzigen Weg zur Wahrheit zu kennen. Dann wäre Thalheimer nicht nur ein Theater-Pathologe sondergleichen, sondern auch ein Regisseur, der sich einem Skeptizismus öffnet, wie er derzeit ganz selten auf dem Theater ist. Schließlich würde dieser Skeptizimus davon leben, dass man genau hinschaut. Das Gegenwartstheater will davon meist nichts wissen und drischt mit dem Vorschlaghammer auf uns ein: Seid skeptisch, seid kritisch! Dazu ist Thalheimers Bühnenkunst ohne jeden Zweifel ein wunderbarer Gegenentwurf.


Blinde Flecken

22. März 2010

Am Wochenende habe ich von Peter Probst Blinde Flecken gelesen. Das Buch war ganz viel versprechend rezensiert worden und klang insgesamt nach einer spannenden Unterhaltung. Irgendwo tauchte sogar das Label „in bester ‚Tatort‘-Manier“ auf. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich auf das Buch gefreut, auch weil Ballauf und Schenk am Sonntag im Fernsehen ermittelten und ich partout keine Lust mehr auf die beiden habe (bzw. auf die fürchterlichen Drehbücher, die den beiden Schauspielern zugemutet werden).

Probsts Ermittler ist ein 50jähriger Ex-Polizist, der dauernd seine Ex-Frau nervt (und sich dann auch noch von ihr verführen lässt – nette Idee immerhin angesichts des Testosteronüberschusses, der in manchen anderen Krimis herrscht). Doch darum geht es leider nur am Rande; als Autor von Beziehungskomödien hätte es Herr Probst vielleicht zu einigem Ansehen bringen können. Doch nein, es musste unbedingt ein Krimi sein.

Ich habe schon nach wenigen Kapiteln begriffen, dass für Werbetexter „‚Tatort‘-Manier“ offenbar gleichbedeutend mit Gutmenschen-Kitsch ist. Im Auftrag eines jüdischen Rechtsanwalts soll der Münchener Ex-Cop ein rechtsradikales Netzwerk auffliegen lassen. An dessen Spitze steht ein smarter Gefängnispsychologe, der mal in der CSU war, die ihm jetzt aber zu links ist. Dieser sympathische Zeitgenosse steuert mal eben nebenbei eine Art braun gepolten Terminator, der mittels einer Handgranate aus dem 2. Weltkrieg (?!?) ein Blutbad bei einer Antifa-Demo anrichten soll/will. Zudem ist ja klar, dass das braune Netzwerk von einer Studentenverbindung aus operiert, wo u.a. Vorträge zu den deutschen Grenzen von 1937 gehalten werden. Ach ja, der Ermittler, der zu Anfang einmal erklärt, dass er über jüdische Kultur nichts weiß (= Hallo Leser! Keine Sorge angesichts des Themas, ich hole Dich bei Deinem Nicht-Wissen ab!), dieser Ermittler lernt im Verlauf Klezmer-Musik schätzen (auch wenn er sie natürlich etwas kitschig findet, damit’s nicht zu klischeemäßig wird) und am Ende erfährt er nach einem Schlaganfall seiner Mutter und rührenden Szenen an deren Krankenbett, dass sie selbst als sog. ‚Halbjüdin‘ verfolgt wurde, was sie aber auf Grund einer komplizierten Geschichte ihrem Sohn niemals gesagt hat.

Immerhin schafft es Herr Probst auf rund 250 völlig linear und überraschungsfrei erzählten Seiten eine kleine Finte einzubauen: Ein Kommissar war vor 15 Jahren mal Mitglied in einer Wehrsportgruppe. Da mutmaßt man natürlich als politisch korrekt geschulter Leser, dass auch die Polizei mit Nazis durchsetzt sein wird und dass unser liebenswerter Ex-Cop John McClane-mäßig wohl oder übel den braunen Augiasstall ganz allein wird ausmisten müssen und dass sich der letztlich von Braunau am Inn bis zum Münchener Polizeipräsidium erstreckt. Aber falsch. Derart radikal ist das Buch dann doch nicht. Der ehemalige Wehrsportler ist ein anständiger Beamter. Wieder was gelernt in der Staatsbürgerkunde.

Leitmotivisch geht’s natürlich um die im Titel angekündigten blinden Flecken, die aber eigentlich gar nicht erzählt werden, sondern auf die immer nur hingewiesen wird. Permanent und penetrant erkennt irgendwer nicht, was dies oder das mit Antisemitismus bzw. jüdischer Kultur zu tun. Zum Glück macht den Figuren und dem Leser dann der jüdische Rechtsanwalt umgehend klar, dass eigentlich immer alles irgendwie mit Antisemitismus zu tun hat. Ich habe mich irgendwann gefragt, ob sich das Thema und das Genre schlicht nicht vertragen. Aber das denke ich eigentlich nicht. Ich habe vor einigen Wochen Partitur des Todes von Jan Seghers gelesen, der das Thema Präsenz des Nationalsozialismus sehr überzeugend in seinen Krimi integriert hat, wie ich finde. Probst dagegen scheint an dem Genre gar nicht interessiert zu sein, sondern ausschließlich am Thema. Wem das ebenso geht, der greife nun aber trotzdem nicht zu dem Krimi, sondern schlicht zu einer gut gearbeiteten Info-Broschüre über Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Die ist auf jeden Fall grundlegender – und mutmaßlich auch differenzierter.

So. Jetzt ist aber gut mit der Frustbewältigung, sonst verrate ich ja noch die letzten ärgerlichen Details dieses Buches, das sich selbst als „Kriminalroman“ bezeichnet, aber eher ein gut gemeinter Beitrag zum friedlichen und harmonischen Miteinander ist. Die einzige spannende Frage, die dieses Buch wirklich aufwirft, ist, zu welchen gesellschaftlich relevanten Themen im nächsten Krimi von Herrn Probst ermittelt wird (der Verlag hat angekündigt, dass weitere folgen). Herr Probst hat bestimmt schon ganz viele Themen im Blick, die er so richtig hübsch mit der kleinen Gutmenschen-Taschenlampe ausleuchten wird, bis es keine bösen blinden Flecken mehr auf der Welt gibt. Am kommenden Wochenende gucke ich wieder Tatort, egal wer ermittelt!


Mühe

16. März 2010

Beim Wiederlesen von Sarah Kanes Zerbombt sind mir eine Theaterkarte und einige Zeitungsausschnitte mit Kritiken von der Berliner Inszenierung an der Schaubühne entgegengefallen. Ich frage mich oft, was es bringt, wenn ich Zeitungsartikel und Notizen in Bücher einlege. Zumindest Erinnerungen, soviel weiß ich jetzt.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Textstellen nachlesen und dann sah ich ein Szenenfoto mit Katharina Schüttler und Ulrich Mühe: er spielt den vom Krebs zerfressenen Journalisten Ian. Als ich die Inszenierung sah, war ich beeindruckt von Mühes Präsenz, ein Körper gewordener Ausnahmezustand. Ein Körper, der das ganze Stück auf den Punkt bringt. Jetzt, da die vergilbten Artikel die Erinnerung wieder wach rufen und ich weiß, dass Mühe nur zwei Jahre später gestorben ist, frage ich mich, ob damals nicht schon sein eigener Ausnahmezustand eingetreten war.


Skandal und Aufmerksamkeit

1. März 2010

Angenommen, in der Zeitung taucht die Nachricht auf, die letzten fünf Szenen eines Theaterstücks von einem vor einigen Jahren verstorbenen, einigermaßen bekannten Schriftsteller seien überraschend publiziert worden. In der Nachricht wird unmissverständlich klar gemacht, dass das Stück ganz und gar der Entstehungszeit verhaftet und latent propagandistisch ist. Am Ende des Artikels heißt es dann wenigstens noch, das Drama sei wirklich ganz ‚herrlich‘. Trotzdem: Wen würde das hinterm Ofen hervor locken? Wohl keinen.

Hat es auch 1818 nicht getan, als Johann Baptist von Pfeilschifter in der Zeitschrift Zeitschwingen die letzten Szenen aus Kleists Hermannsschlacht erstmals publizierte, nachdem sich der 1811 das Leben genommen hatte und es nie zum Druck oder zur Aufführung des Stücks gekommen war.

Die Literaturkritik heute ist da schlauer: Wenn Sie einen Text auftut, den sie für total wichtig hält, für den sich aber kein Mensch interessiert, dann schreit sie laut: „Skandal!“ Bis keiner mehr an dem Buch vorbeizukommen meint. So zu verfahren, wäre heute übrigens auch beim Zeitschwingen-Abdruck ganz leicht. Pfeilschifter druckte den Text, weil er sich den Dank seiner Leser „verdienen“ wollte, wie er es nannte. Solche Kinkerlitzchen wie Urheberrecht haben ihn nicht weiter interessiert. Der Ruf „Skandal“ blieb freilich aus. Schließlich war das Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem Urheberrecht noch so eine Sache. Dass die Literaturgeschichte Pfeilschifter inzwischen weitgehend vergessen hat, ist also keine Strafmaßnahme wegen Urheberrechtsverletzung, wie man meinen könnte.