Oshi-Deutsch statt Lego

29. Mai 2016

Nachdem sich nachtkritik zuletzt an meinen kleinen Lego-Theatern erfreut hat, war es an der Zeit, dass ich endlich auch mal wieder was über Theater schreibe und es nicht immer nur baue. Deswegen war ich am Freitag im Theater und habe mir die Uraufführung von Oshi-Deutsch angesehen. Wie’s war, könnt ihr wie üblich auf nachtkritik lesen.


Hebbel-Theater Berlin

23. März 2016

Nachdem ich im letzten Monat das Schillertheater nachgebaut habe, war es jetzt aus mehreren Gründen naheliegend, mir das Hebbel-Theater vorzunehmen. Zunächst schlicht deswegen, weil ich es erst zu Beginn des Monats besucht habe (im Rahmen des Müller-Festivals im HAU), so dass ich es mir noch mal aus der Nähe ansehen konnte. Dann aber auch, weil es lange die zweite große Spielstätte für Sprechtheater in Westberlin neben dem Schillertheater war (letztlich bis zum Umzug der Schaubühne an den Lehniner Platz). Außerdem hat das Haus eine besonders lange Geschichte, an die auch eine Tafel im Foyer sowie eine Miniatur des Zuschauerraums erinnern.

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Das Hebbel-Theater ist wie vielleicht kein anderes Theater der Stadt ein Spiegel der Entwicklung: Eröffnet wurde es vor gut 100 Jahren als Privattheater mit ehedem 800 Plätzen. Damals hatte Berlin offenbar noch ein Bürgertum. Während der Weimarer Republik war das Theater sehr erfolgreich, zahlreiche Stücke der klassischen Moderne wurden damals dort gespielt. Nach dem Krieg eröffnet es besonders früh, weil es weitgehend erhalten geblieben ist, was einem Wunder gleichkommt, wenn man sich seine Lage im Grenzgebiet zwischen Kreuzberg und Mitte klar macht – nur wenige hundert Meter von der Reichskanzlei, dem Potsdamer Platz und dem Anhalter Bahnhof entfernt. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde das Haus immer wieder auf unterschiedliche Weise genutzt. Heute beheimatet es eine der drei Bühnen des Hebbel am Ufer (HAU). Damit ist es ganz in der Gegenwart des postdramatischen Theaters angekommen.

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Es mit Lego nachzubauen, war in der Hinsicht eine Herausforderung, weil es ähnlich wie das Schillertheater einen zentralen Rundbau hat. Allerdings nicht wie beim Bau in der Bismarckstraße in Gestalt des Eingangs selbst, sondern über diesem. In dem Theater sorgt das dafür, dass das Foyer mit der Kasse und der genannten Holztafeln weitgehend auf künstliches Licht angewiesen ist. Auch im Garderobenraum mit den Eingängen ins Parkett ist es verhältnismäßig dunkel, was auch durch die alte Holzverkleidung unterstützt wird (das Theater würde eine ideale Kulisse für einen historischen Theaterfilm abgeben). Nur im Oberrang profitiert der Zuschauer von der hohen, gebogenen Fensterfront.

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Was mich bei diesem Projekt zudem gereizt hat, ist der Kontrast, der sich zwischen den weißen Lego-Steinen und den massiven Steinen des Originals sowohl im Hinblick auf die Farbe als auch die Oberfläche ergibt. Er führt, so mein Eindruck, vor, wie sehr der Retro-Look, den das Theater in der Stresemann-Straße vermittelt, durch das Material und die unterschiedlichen Streingrößen entsteht – und auch durch die Verfärbungen des Steins im Laufe der Zeit.IMG_4529

Nicht auszudenken, wie viel Charme das Haus verlieren würde, wenn es einst in einer glatt-weißen Oberfläche erstrahlen würde, mit der derzeit gerne Städteplaner und Architekten jeden Unterschied und alle historische Vielfalt aus den Straßenzügen zu verbannen versuchen. Das sähe dann wohl in etwa so aus:

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Konjekturalwissenschaft

11. März 2016

Denis Thouard: Die Antinomie von Recht und Philologie, in: Geschichte der Germanistik 45/46 (2014), S. 88-96, hier S. 93:

Die Philologie dagegen [im Unterschied zum Recht, KB] kann sich Zeit nehmen, weil sie sich auf der Basis der Emendatio entwickelt. Sie nimmt eine gegebene Vulgata und verbessert sie. Sie geht bis zum Verstehen der Texte, das eine unendliche Aufgabe ist [DT verweist hier auf Schleiermacher]. Sie schreitet durch Kontroversen, Auseinandersetzungen, die die Gemeinschaft ihres wissenschaftlichen Feldes bezeugen. Sie kann sich auf die grammatischen Normen einer Sprache stützen, was aber nicht reicht, um die Einzigartigkeit eines Werkes zu ergründen. Deswegen wird der Philologe versuchen, der sich zur Hermeneutik aufschwingt, die Eigengesetzlichkeit eines Kunstwerks oder eines Texts nur aus sich selbst zu entwickeln. Wenn er keinen direkten, intuitiven oder divinatorischen Zugang zu dieser Gesetzmäßigkeit des Werkes in Anspruch nehmen kann, muss er mit bloßen Vermutungen verfahren. Die Philologie ist folglich eine Konjekturalwissenschaft.


Michel Houellebecq – alt und reif?

9. März 2016

Michel Houellebecq hat jüngst mal wieder provoziert. Haben einige von Euch bestimmt mitbekommen. Kurz vor seinem 60. Geburtstag und ein Jahr nach Unterwerfung hat er sich mit dem ersten Band einer Gesamtausgabe seiner Werke von 1991-2000 beschenkt bzw. sich von Flammarion beschenken lassen. Das wurde sogar in einem umfangreicheren DPA-Bericht gemeldet, der von zahlreichen Zeitungen abgedruckt wurde. Das zeigt schon, welch herausragende Stellung Houellebecq längst auch in Deutschland hat. Interessant ist dabei, wie über die Gesamtausgabe berichtet wurde.

Im Zentrum der Berichte steht der gute Michel selbst, der als „Skandalautor“ vorgestellt, auf dessen islamfeindliche Äußerungen hingewiesen und an dessen Äußerungen über französische Spitzenpolitiker erinnert wird. Über die Gesamtausgabe erfährt man hingegen so gut wie nichts – eigentlich nur, dass sie die Publikationen der Jahre 1991-2000 umfasst, dass das Buch laut Houellebecq selbst von bescheidener Qualität sei (was ich ausdrücklich bestätigen möchte) und dass er sich für diese Gesamtausgabe entschieden habe, weil seine Leser in kleinen Wohnungen lebten und also nicht so viel Platz für viele Bücher hätten: „Mes lecteurs ont souvent de petits appartements.“

Diese an sich schon großartige Reflexion über die eigenen Leser verpufft in den Zeitungsartikeln dann leider weitgehend, obwohl sie natürlich ein Kracher sondergleichen ist: Ein Autor, der wie vielleicht kein anderer der letzten drei Jahrzehnte das Spiel mit der Autorschaft auf immer neue Höhen getrieben hat, legt den ersten Band seiner Gesamtausgabe vor, meckert über deren Qualität, als habe er da kein Sterbenswörtchen mitzureden, und legt seinen Lesern letztlich nahe, die alten Einzelausgaben seiner Bücher wegzuwerfen und als Ersatz die platzsparende Gesamtausgabe zu kaufen. Er kann halt auch auf die charmante Art witzig sein.

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Der eigentliche Witz ist freilich, dass diejenigen, die zumindest in Deutschland über dieses Buch berichtet haben, darüber schreiben, als wäre das Vorwort ein philologischer Kommentar. Am Ende wirkt es tatsächlich auch kurz so, wenn Houellebecq in wenigen Worten schildert, dass außer eindeutigen Rechtschreibfehlern die Gestalt des Erstdrucks nicht geändert wurde. Aber selbst hier hört er nicht auf zu spotten und gibt den an dem ganzen Unterfangen Desinteressierten bzw. faktisch Unbeteilligten: „Autant au fond agir en littérature comme on est bien obligé de le faire dans la vie ; je ne demande pas de seconde chance.“

In Deutschland hat man aber weniger darauf als vielmehr auf das Unternehmen ‚Gesamtausgabe‘ an sich reagiert. So finden sich raunende Äußerungen von der Ehre der Gesamtausgabe, die nur alten Autoren zuteil werde. Ins selbe Horn stößt sogar Wiebke Porombka, die in der Zeit im Unterschied zu den DPA-Kopisten eine differenzierte und kluge Position zu dem Unterfangen entwickelt und zeigt, dass sie das vierseitige Vorwort vollständig gelesen hat (bei einigen anderen Artikeln muss man das eindeutig bezweifeln). Sie hält fest: „Nun ist nicht ausgeschlossen, dass die Gesamtausgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin bereits zu dessen oder deren Lebzeiten begonnen wird. Es ist jedoch ungewöhnlich, zumal bei einem Schriftsteller, der wie der 1956 geborene Houellebecq vergleichsweise jung ist.“ Ähnlich überzeugend wie Porombka ist Jürg Altwegg in der FAZ. Er nutzt die Lektüre des Vorworts sogar zu einer bedenkenswerten These: „Die Gesamtausgabe ist auch ein verzweifelter Versuch, Houellebecq von der Islam-Obsession loszulösen, seine Bücher jenseits der Klischees und Verurteilungen zu lesen, die seine Wahrnehmung als Schriftsteller bestimmen und den Blick aufs literarische Werk verengen.“ Gleichwohl findet sich auch hier das erfurchtsvolle Geraune über die Gesamtausgabe und das Alter: „Michel Houellebecq, der an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, ist reif für eine Gesamtausgabe“, heißt es, wenn auch mit ironischem Unterton, im Vorspann des Artikels. Stellt sich nur die Frage, wann man reif ist für die Gesamtausgabe.

Beginnen wir mal mit historisch. Besonders früh reif bzw. frühreif war Gotthold Ephraim Lessing. Er begann 1753 mit der Herausgabe seiner sechsbändigen Schrifften. Bevor Ihr in Wikipedia nachguckt: Lessing war da 24. Er litt an keiner schweren Krankheit, so dass er meinen konnte, es nicht mehr all zu lange zu machen. Er war vielmehr ein recht selbstbewusstes Bürschchen und meinte, dass die Welt auf seine erste Gesamtausgabe gewartet hat. Hat sie nicht wirklich, aber das tut nichts zur Sache. Steffen Martus hat mit Blick auf Lessing und andere Autoren gezeigt, wie sehr die Herausgabe ein Akt der „Werkpolitik“ ist.

Lessing ist natürlich ein außergewöhnliches Beispiel. Aber es ist durchaus nicht so, dass Autoren in aller Regel bis zum schriftstellerischen Ruhestand warten (also bis zu ihrem Tod – mit Ausnahme von Philip Roth), bevor sie mit der Herausgabe ihrer Werke beginnen. Ähnlich selbstbewusst wie Houellebecq hat Günter Grass 1987 seine erste Gesamtausgabe präsentiert (damals noch bei Luchterhand). Übrigens zum – Ihr ahnt es – 60. Geburtstag. Und Grass hat dann, nur damit Ihr wisst, was passiert, wenn Michel es bis dahin schafft, 2007 (inzwischen bei Steidl) zum 80. eine zweite Gesamtausgabe vorgelegt. Blöd für alle, die dachten, nach 1987 kommt nicht mehr viel.

Lessing hat übrigens im ersten Band seiner Schrifften seine bis dato erschienenen Gedichte herausgegeben. Vielleicht gilt bei Lyrik insgesamt, dass man früher loslegen darf mit der Werkbildung. Durs Grünbein hat schon 2006 einen Band mit dem Titel Gedichte. Bücher I-III publiziert. Da war er 44. Seitdem wurde dieses Unterfangen aber nicht mehr fortgesetzt. Keine Ahnung, warum nicht. Als ich ein wenig überlegt habe, von welchen Autoren ich sonst noch Werkausgaben habe, sind mir mehrere Dramatiker eingefallen. Botho Strauß hat mit 47 angefangen, seine Stücke in einer mehrbändigen Werkausgabe herauszugeben, Yasmina Reza ihre Gesammelten Stücke erstmals mit 41.

Was sagt uns das? Bevor man anfängt, bedeutungsschwer zu raunen, dass einem Autor jetzt eine Gesamtausgabe gewidmet wird, sollte man sich klar machen, was die Gründe dafür sind. Das kann was mit Ehre zu tun haben, das kann was mit Wertschätzung des Autors durch seinen Verleger zu tun haben. Aber vor allem hat das etwas damit zu tun, wie sich ein Autor und sein Verlag werkpolitisch positionieren – und es hat natürlich schlicht was damit zu tun, ob Autor und Verleger meinen, damit Geld verdienen zu können. Wie so oft gilt auch hier: „It’s the economy, stupid.“ Gönnen wir Michel also zu seinem 60. Geburtstag den einen oder anderen Euro zusätzlich, ohne dass er dafür mehr tun musste, als ein vierseitiges Vorwort zu schreiben.


Barocke Vielzahl

29. Februar 2016

Vor längerer Zeit habe ich hier über Judith Zanders Lyrik-Debut oder tau geschrieben. Vor ungefähr zwei Jahren ist dann ihr zweiter Lyrik-Band manual numerale bei dtv erschienen. Viel zu spät bin ich jetzt ich endlich dazu gekommen, ihn zu lesen. Er ist wieder eine Freude, ja an manchen Stellen ein richtiger Spaß – durch komische Reime zum Beispiel: ‚teils‘ auf engl. ‚files‘. Oder durch nur einen Vers lange Gedichtchen – Sentenzen sollte man wohl besser sagen -, die an Selbstironie nicht zu überbieten sind:

heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht

Zu diesem direkten, selbstreflexiven Stil passt gut, dass Zander ihre neuen Gedichte dem Titel nach als Manual begreift. Das bedeutet aber nicht, dass man sich das Buch wie ein Tagebuch mit Datumsangaben vorstellen soll. Auch ist es nicht nach Erscheinungsorten sortiert. Stattdessen steht oben auf jeder Seite die Zahl der Verse, die das je folgende Gedicht hat. Da das Buch auch keine Seitenzahlen kennt, sind diese Zahlen das einzige Ordnungskriterium – aber eben eins, dass für die Orientierung des Lesers an sich völlig überflüssig ist. Seitenzahlen helfen mir, bestimmte Stellen in einem Buch wiederzufinden. Wenn ich ein literarisches Notiz- oder Tagebuch eines Dritten lese (wie etwa das von Max Frisch), beziehe ich Datums- oder Ortsangaben auf den Autor. Zanders Angaben zur Zahl der Verse scheinen im Unterschied zu all dem völlig überflüssig: Ob ein Gedicht kurz oder lang ist, sehe ich auf Anhieb, wenn ich die Seite aufschlage. Und ob ein Gedicht z.B. 26 oder 30 Verse hat, dürfte für die Entscheidung, das Gedicht zu lesen, kaum ausschlaggebend sein.

Was das Zahlenspiel gleichwohl bewirkt (zumindest, als ich die Gedichte gelesen habe), ist eine größere Konzentration auf die Form (zumal es keine Überschriften gibt). Ich habe immer wieder mal überprüft, ob die Zahl, die da oben steht, auch wirklich der Zahl der Verse entspricht. Zugleich unterstellt man wegen dieser Zahl dem gesamten Buch einen sehr persönlichen Zusammenhang. Die Zahlen sind rot, anders als die Gedicht-Texte. Das erinnert trotz der serifenlosen Schrift ein wenig an ein Notizheft, durch das man später noch mal zur eigenen Orientierung mit einem anderen Stift durchgeht und über dessen formale Bedingungen man sich einen Überblick verschaffen will.

Diesen persönlichen Eindruck unterstützt, dass am Ende des Buches ein „manual“ im Manual steht, in dem zahlreiche Erläuterungen, gewissermaßen Erinnerungsnotizen, zu finden sind. Sie beziehen sich auf kursive Stellen in den Gedichten, die den intertextuellen Kosmos von manual numerale markieren: Wörter, Phrasen und Sätze von anderen Schriftstellern vom Barock über Droste-Hülshoff, Sylvia Plath, die von Zander übersetzt wurde, bis Patti Smith. Allerdings sollte man deswegen nicht annehmen, dass auf diese Weise alle intertextuellen Bezüge erfasst werden. Es finden sich noch zahlreiche andere, die klug eingearbeitet sind und wie schon bei oder tau belegen, dass Judith Zanders literarischer Kosmos ein großer ist, der vom Barock bis zur Gegenwart reicht, von kanonischen Autoren bis zur Pop-Kultur.

In oder tau setzen sich viele Gedichte mit Zanders Heimat, Deutschlands Nordosten, auseinander, wie der Titel schon andeutet. Ein solches geographisches Zentrum hat manual numerale nicht, auch wenn sich weiterhin einzelne niederdeutsche Wendungen finden. Im Gegenzug scheinen mir nun mehr Gedichte in dem Sinne politischer als der Debutband zu sein, als dass jetzt sowohl mittels Form als auch Inhalt gesellschaftliche Frage thematisiert werden. So findet sich ein zunächst privat anmutendes Gedicht, in dem sich ein Ich über eine „sie“ äußert, die die „Komplizin“ ist und das Ich nicht verraten wird. Das kurze Gedicht besteht aus drei Strophen à drei Versen, die sich alle drei reimen. Durch deren jambischen Vierheber samt der männlichen Kadenzen mutet das Gedicht ähnlich filigran an wie ein Marschfoxtrott in der Tanzschule. Diese metrische Grobmotorik passt aber wunderbar zum kämpferischen Schluss, der fast schon wie ein Schlachtruf klingt:

doch fechten werden wir zu zweit
gegen die ungehobeltheit
binärer gegensätzlichkeit

Allerdings muss ich gestehen, dass diese metrisch etwas brachiale Kritik an heteronormativen Geschlechtsentwürfen nicht der eigentliche Grund ist, warum ich Zanders zweiten Lyrikband (sie hat außerdem bisher noch einen Roman geschrieben) so gerne gelesen habe.

Vor allem hat mich begeistert, wie sie sich mit der deutschen Barock-Literatur auseinandersetzt. Dass sie die gut kennt, hat schon oder tau gezeigt. Im manual numerale aber ist Zander noch vielfältiger geworden. Sie zitiert eine ganze Reihe prominenter Barock-Dichter (Gerhardt, Rist, Sibylla Schwarz, Zesen) und legt ein Sonett vor (allerdings nicht in Alexandrinern). Sie stellt sich der bukolischen Barockdichtung, wenn sie einen „landschaftsgarten“ besingt, in dem es „natürlich zugeht wie | auf arkadiens karten“, oder wenn das Ich eines anderen Gedichts eine Gruppe, ein Wir, auffordert, sich „gegensichtig [!] | schäfernamen“ zu geben und sich „hinter | pluralen clarinden-träumen“ hervorzurufen [sic]. Dabei wirken die Gedichte nie oberlehrerhaft oder angestrengt. Vielmehr sind Zanders Gedichte immer wieder sehr locker und wie nebenbei komponiert, so dass man sie leicht in ihrem Facettenreichtum unterschätzt:

ich bin die more-soldatin
und zieh von früh bis spat gen
utopia

Selbstverständlich erinnert Zander mit diesem Gedicht nicht nur an den Begründer der utopischen Literatur, Thomas Morus. Zugleich ahmt sie das Moorlied der KZ-Häftlinge Börgermoor nach („Wir sind die Moorsoldaten | und ziehen mit dem Spaten | ins Moor.) und daran, dass die utopische Sehnsucht, die das Ich als Gefolgsfrau von Morus („more-soldatin“) artikuliert, keine Erfüllung finden wird. So stimmt denn das manual numerale oft nachdenklich, auch wenn es seine Leser in vielen Gedichten und mittels spannender Formverspieltheiten gerne schmunzeln lässt und ästhetisch herausfordert. Ein Buch also, das nicht nur zahlreich ist, wie der Titel verspricht, sondern auch vielfältig wie nur wenige andere Werke der aktuellen Lyrik.

 


Bilder einer großen Liebe

27. Februar 2016

Und der Traum geht so: Fatih Akin geht über den roten Teppich, er trägt eine grüne Adidas-Jacke. Vielleicht steht die Autonama Spalier. Die trägt dann auch grün. All die anderen, die beim Film dabei waren, folgen Fatih. Alle sehen sehr glücklich aus, in manche Augen mischen sich ein paar Tränen.

Als der Film zu Ende ist, herrscht eine Sekunden Stille, bevor tosender Applaus losbricht. Alle erheben sich, alle jubeln. Nur weit vorne, so in der dritten, vierten Reihe bleiben ein paar Menschen sitzen: Carola Wimmer, Kathrin Passig, Marcus Gärtner und noch ein paar. Sie mögen nicht aufstehen. Sie lassen die anderen jetzt feiern. Sie gönnen das den anderen. Sie winken Fatih zu, als er sich im Rausgehen nach ihnen umdreht. Er sieht in ihre Augen, er sieht auf seine Jacke und weiß, dass er alles richtig gemacht hat.


Schillertheater Berlin

14. Februar 2016

Nachdem ich letzten Monat mit meiner Serie mit Lego-Nachbauten von bekannten Theater- und Opernhäusern begonnen und mich an der Deutschen Oper Berlin versucht habe, bin ich jetzt im Geiste einfach auf die andere Seite der Bismarckstraße zum Schillertheater gegangen. Wie viele von Euch wissen, beherbergt es seit einiger Zeit ersatzweise die Staatsoper, deren Haupthaus Unter den Linden seit 2010 (!) grundlegend renoviert wird. Eigentlich ein Wunder, dass das in der Stadt, in der das alte Ost-West-Denken immer noch sehr wach ist, nicht für mehr Widerspruch sorgt. Ein Wunder auch, wie selten bisher darüber berichtet wird, dass die Renovierung der Staatsoper längst eine Geschichte schreibt, die zumindest mich immer wieder an die des Berliner Flughafens erinnert. Doch soll uns das heute nicht betrüben.

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Das Schillertheater ist für mich ein Haus, mit dem ich wunderbare Abende verbinde. Erstmals besucht habe ich es in den 80er Jahren während einer Exkusion mit meiner Theater-AG nach Berlin. Habe keine Ahnung mehr, was da gegeben wurde. Aber ich erinnere mich genau, wie ich auf das Haus zuging. Anders als die Deutsche Oper heißt die Architektur des Schillertheaters die Gäste gleich willkommen: Egal ob man von der U-Bahn kommt und auf das Haus zugeht oder ob man mit dem Taxi vorfährt – immer wieder gefällt mir, dass das Haus ein wenig von der Straßenfront zurückgezogen liegt und so Distanz zum Alltag, die bei der Deutschen Oper durch die massive Außenwand betont wird, entsteht. Nicht die Architektur schafft die Distanz, der Zuschauer gewinnt sie, indem er über den Vorplatz auf das Haus zugeht.

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Dementsprechend kann sich das Haus innen auch ganz anders offen geben als die Oper gegenüber. Diese Offenheit spürt man schon in der Garderobe und dem Foyer, in dem Stimmen wunderbar sanft abgefangen werden, so dass sich ein Gefühl von Ruhe einstellt, wenn man auf den Einlass wartet. Unterstützt wird das von dem tollen Licht, das durch die schöne Verglasung fällt, die die Außenansicht wie auch den Innenraum prägt (und die man mit Lego nicht recht nachbauen, sondern nur andeuten kann).

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Das Haus ist der große Verlierer der Umstrukturierungen der Berliner Theaterlandschaft Anfang der 1990er Jahre. Als es als Haupthaus der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin 1993 abgewickelt wurde, begann ich gerade, regelmäßiger in Berlin ins Theater zu gehen. Deswegen kenne ich das Haus vor allem als Festspielhaus und jetzt eben als Ersatzbühne für die Staatsoper. Meine schönsten Erinnerungen verbinde ich dabei mit Inszenierungen im Rahmen des Theatertreffens – bis heute etwa erinnere ich mich an Johanna Wokalek als Emilia Galotti. Andrea Breth hatte damals Regie geführt; wenn ich mich recht erinnere ihre erste Rückkehr nach Berlin, nachdem sie ihre Intendanz an der Schaubühne beendet hatte. Breth führte übrigens auch Regie in der besten Opern-Inszenieruzng, die ich hier gesehen habe: Alban Bergs Wozzeck mit Barenboim am Pult.

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Angesichts solcher Erinnerungen stelle ich mir immer wieder die Frage, was aus dem Haus wohl wird, wenn die Staatsoper 2017 (so Hephaistos denn will) wieder in ihr angestammtes Haus zurückkehrt. Vermutlich steht dann auch beim Schillertheater erst einmal Renovierung an, nach allem was ich so höre. Aber klar ist meines Erachtens ebenso, dass ein derart faszinierender Bühnenbau mittelfristig nicht ungenutzt bleiben darf. Aber ob das in Berlin alle kulturpolitisch wichtigen Menschen so sehen, da man derzeit lieber neuen Intendanten vermeintlich hippe, aber an sich völlig ungeeignete Räumlichkeiten wie den Flughafen Tempelhof anbietet, darf bezweifelt werden. Zum Glück dürfte den Zauber, den das Schillertheater seinen Gäset schon bietet, wenn das Abendlicht auf das Haus und ins Foyer fällt, selbst ästhetisch unbeschlagene Kulturpolitiker spüren. Es bleibt also Hoffnung.


Nora Gomringer: Morbus

6. Februar 2016
In memoriam Frank Möbus

In meinem Bücherregal ist der Buchstabe ‚G‘ besonders spannend. Ich habe schon länger den Eindruck, dass die Nachbarschaften, die ich hier regelmäßig bestaune, kein Zufall sind. George neben Gernhardt, das ist nicht frei von Ironie. Im Zentrum von ‚G‘ die Reihe meiner vier G-Olympier: Goethe, Goetz, Goldt, Gomringer. Aus der Ferne blinzelt Grünbein und wäre auch gern dabei, aber an den kraftstrotzenden Grass und Grimmelshausen kommt er natürlich nicht vorbei. Aber selbst die bilden keine direkte Allianz (auch wenn sie das im Geiste natürlich tun): Grillparzer, der kleine Frechdachs, hat sich heimlich dazwischen geschummelt.

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(c) Marco Rasch/LZG Gießen

Allein schon angesichts dieser Konstellation könnt ihr euch denken, dass ich es als großes Glück empfand, Anfang des Jahres eine Lesung von Nora Gomringer moderieren zu dürfen. Zur Vorbereitung habe ich natürlich ihren neuen Gedichtband Morbus gelesen. Wie sein Vorgänger Monster Poems sind in dem Buch wieder 25 thematisch zusammenhängende Gedichte versammelt (ergänzt werden beide bald noch um einen dritten Band mit 50 Gedichten zur Mode). Wie bei den meisten Büchern von Nora Gomringer üblich, liegt wieder eine CD bei, auf der eine Lesung ihrer Gedichte zu hören ist. Außerdem ist das Buch wie schon Monster Poems wunderbar vom Graphiker Reimar Limmer gestaltet. Ein richtiges kleines, feines Gesamtkunstwerk, das sogar noch denen zu empfehlen ist, die Nora Gomringer schon live erlebt haben.

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(c) Marco Rasch/LZG Gießen

Der Abend war ein voller Erfolg und hat sehr viel Spaß gemacht. Im Anschluss sind mir noch einige Gedanken zu der Lesung durch den Kopf gegangen, die vielleicht des Aufschreibens wert sind.

Bei der Lektüre von Morbus wurde mir klar, wie immer vielfältiger und auf angenehme Weise artifizieller Noras Gedichte werden. In Kritiken und in Gesprächen über sie wird gerne ihre Nähe zum Poetry Slam betont. Ihre großartig performten Auftritte (gerne auch zusammen mit anderen starken Live-Künstlern wie dem Wortartensemble) und die den Gedichten beiliegenden CDs scheinen das zu bestätigen. Da einige ihrer Gedichte zudem, obwohl in Summe vielmehr von feiner Ironie durchzogen, immer mal auch vor einer fetten Pointe nicht zurückschrecken, scheint der Hinweis auf die Slam-Tradition zu überzeugen.

Aber man muss sich nur Gomringers Lesung beim Gewinn des Bachmann-Preises ansehen, um zu wissen, dass sie auch ganz anders kann. Da begegnet uns eine konzentrierte, die eigene Sprache und das eigene Sprechen herausragend beherrschende Dichterin, die zugleich mit ihrer Kunst die Welt außerhalb ihrer Literatur reflektiert und ihren Facettenreichtum hörbar macht.

Was mich bei ihren Gedichten schon früh interessiert hat, ist ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust (z.B. „Und es war ein Tag. Und der Tag neigte sich“). Gomringer macht das nicht nur, indem sie die Erinnerung an den Holocaust mittels ihrer Lyrik immer wieder wachhält, sondern auch indem in ihren Gedichten immer wieder die Lyrik etwa einer Nelly Sachs oder Rose Ausländer nachklingt – ein Singbarer Rest gewissermaßen. Diese sprachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust findet sich in Morbus wieder, in dem Gedicht über Typhus (Die Mädchen in Bergen-Belsen), das sich den Schwestern Anne und Margot Frank widmet („lange verborgen unter den Sternen, / mit wenig mehr als einer Stimme bedeckt.“).

Die große Kunst dieses Buches ist freilich, dass es gleichwohl kein trauriges Buch ist, wie man anhand dieses Beispiels und des Titels vermuten mag. Vielmehr ist es gerade angesichts der Nachdenklichkeit eine Verneigung vor dem Leben, ohne das es schließlich keine Krankheiten gäbe. So sind dann andere Gedichte putzmunter. In Herpeswaltz etwa hüpfen erst kleine Daktylen herum („Ich küss dich / Du küsst mich“), bis es anfängt zu jucken und der walzerhafte Takt jäh erstaunt (und metrisch kaum mehr eindeutig bestimmbar) abbricht: „Was tun wir jetzt“ – heißt es, eine Frage ohne Fragezeichen. Ratlosigkeit. Am Ende findet das Gedicht seinen Takt wieder, aber die Konstellation hat sich verändert: Die Tanz geht weiter, aber nicht mehr mit demselben Partner: „Aus mit uns“.
Dass ich mich angesichts solcher Verse von Nora zum nächsten Tanz auffordern lasse, wenn Mode erscheint, ist jetzt schon klar.