Einbahnstraße II

19. März 2010

Ein anderer Gedanke bei der Lektüre von Walter Benjamins Einbahnstraße:

In den ironischen Prinzipien der Wälzer oder die Kunst, dicke Bücher zu machen hält Benjamin fest: „Zusammenhänge die graphisch darstellbar sind, müssen in Worten ausgeführt werden. Statt etwa einen Stammbaum zu zeichnen, sind alle Verwandtschaftsverhältnisse abzuschildern und zu beschreiben.“

Langsam wächst wieder der Stapel mit Hausarbeiten neben meinem Schreibtisch. Bei den Vorbesprechungen schlage ich den Studierenden immer mal vor, einen Zusammenhang, einen Gedanken oder eine Theorie graphisch darzustellen, sie zu visualisieren. Ich halte solche Versuche für sehr hilfreich und bewundere all die, die das – im Unterschied zu mir – richtig gut beherrschen und gar spontan solche Graphiken entwickeln können. Bei den Studierenden stelle ich immer wieder fest, wie sie zusammenzucken, wenn ich Ihnen vorschlage, in den Hausarbeiten mit Graphiken zu arbeiten. Angesichts meiner eigenen graphischen Kompetenz verstehe ich diese Scheu, aber ich finde sie auch sehr bedauerlich.

Zudem habe ich lange gedacht, dass diese Scheu gewiss auch daran liegt, dass sich viele nicht mit den entsprechenden Programmen auskennen, obwohl man das meistens ja schon mit PowerPoint o.ä. erledigen kann (aber einige Studenten kämpfen ja sogar mit Word…). Bei der Benjamin-Lektüre wurde mir nun wieder einmal in Erinnerung gerufen, wie sehr eine Graphik einen Text verschlankt und abwechslungsreicher macht. Aber vermutlich ist genau das die eigentliche Ursache für die breite Scheu, mit Graphiken in Hausarbeiten zu arbeiten. Die B.A.-Ordnungen sind im Hinblick auf den Umfang derart rigoros, dass Graphiken gleich in zweifacher Hinsicht unbeliebt sind. Zum einen braucht das Erstellen einer Graphik meist mehr Zeit als eine Vertextung. Zum anderen schreibt die B.A.-Ordnung vor, dass eine Arbeit mindestens so und so viel Seiten lang sein muss. Dass heißt im Klartext: Wer eine Graphik entwirft, um einen Sachverhalt darzustellen, hält sich erst damit auf und ist dann noch der Gelackmeierte, weil er nur eine Seite ‚voll‘ hat, wo andere längst drei, vier Seiten geschrieben haben. Das ist ein gravierendes Argument gegen Graphiken, wenn man gleich mehrere Hausarbeiten in wenigen Wochen schreiben muss.

Immerhin das also können sich die Freunde der Modularisierung auf ihre Fahnen schreiben: Sie haben die Kunst, dicke Bücher zu machen (man beachte, dass Benjamin nicht von ’schreiben‘ spricht!), entschieden befördert.


Bloggen in der Vormoderne?

18. März 2010

Robert Darnton hat in einem blog-Beitrag die These aufgestellt, dass schon in der Vormoderne fröhlich gebloggt wurde. Schließlich seien blogs durch Schärfe und Kürze gekennzeichnet – und nicht zuletzt auch durch eine gewisse Neigung zum Skurrilen und zum Tratsch. Sein Beitrag Blogging, Now and Then bezieht sich, um diese These zu bestätigen, auf allerlei lesenswerte oder zumindest komische Notizen in Zeitungen des 18. Jahrhunderts. Auch nennt er ihre ‚Quellen‘: „Much of it came from a bountiful source: the coffee house.“

Und eben im Café sieht Darnton eine weitere Parallele zur gegenwärtigen blog-Kultur, was ja auch einleuchtet. Spannend an seinen Überlegungen ist nun, dass er die Parallelen nicht etwa auf die Spitze treibt. Er wird im Verlauf des Artikel insgesamt vorsichtiger mit den Analogien als zu Beginn und spricht auch relativierend von „blog-like elements“. Darnton ist sich also durchaus bewusst, dass es einige gravierende Unterschiede zwischen blogs und kurzen Zeitungsnachrichten gibt, etwa die Schnelligkeit, die sehr niedrige Kostenschwelle, um publizistisch tätig werden zu können, und die Möglichkeiten der direkten Erwiderung.

All das steht aber gar nicht im Fokus der Aufmerksamkeit seines Artikel, sondern die Frage nach der politischen Funktion der damaligen und der gegenwärtigen blogs. Darnton schließt mit der Frage: „Are blogs disrupting traditional politics today just as “libelles” did in eighteenth-century France?“ In dieser Frage steckt natürlich eine ganz gehörige Portion Optimismus. Ein Optimismus, den zwar auch der Artikel, vor allem aber die notorisch begeisterten Netz-Theoretiker propagieren, ohne recht sagen zu können, woher sich der speist.

Meine Formulierung deutet schon an, dass ich einige Zweifel an diesem Optimismus habe. Das liegt weniger an meiner Scheu vor Heilsbringern als vielmehr an dem Umstand, dass das blog-Format derart flexibel ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob man es tatsächlich auf einen so einfachen Nenner wie politische Agitation (sei sie intendiert oder auch nicht-intendiert) bringen kann. Die hat für mich immer auch etwas mit Kürze zu tun. Darntons Artikel an sich zeigt jedoch, dass blog-Einträge nicht kurz sein müssen, und er belegt zudem, dass sie auch nicht zwingend polemisch sein müssen. Klar: Kürze und Schärfe fördern sicherlich die ‚Absatzzahlen‘, aber gerade da das Bloggen ja in aller Regel eine unkommerzielle Angelegenheit ist, besteht auch keine Notwendigkeit zur Kürze.

Ein wundervoller Satz, wie ich gerade feststelle, da ich ihn noch einmal lesen. Ein Freibrief, um stundenlang weiterzuschreiben!

Doch keine Sorge, der Autor hat noch andere Dinge zu tun! Darntons Optimismus varriierend, möchte ich  abschließend nur noch fragen: „Zerstören blogs die hergebrachte Wissenschaftskommunikation, wie es die aufkommenden Rezensionen und Kritiken im 18. Jahrhundert taten?“ Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Das entlässt uns aber nicht aus der Verantwortung, darüber nachzudenken, wozu sie sich eignen könnten.


Einbahnstraße

17. März 2010

Ende des vergangenen Jahres ist in der kritischen Walter Benjamin-Ausgabe Band 8 erschienen: die Einbahnstraße von 1928. Darin legt Benjamin u.a. einige Meditationen über die „Technik des Schriftstellers“ vor. Sie machen unvermittelt deutlich, wie sehr sich die schriftstellerischen Arbeitsweisen in wenigen Jahrzehnten verändert haben. Benjamin räsoniert über Papier, Feder und Tinte (These IV). Dies Schreibwerkzeug mutet fremd, fern und langsam an. Ich weiß nicht, ob man heute noch eine Ahnung davon bekommen kann, was für eine Art des Schreibens das war.

An die Stelle der Reflexion über die Schreibutensilien ist das Bekenntnis zu verschiedenen Tastatur- und Maustypen, Betriebssystemen und Computerherstellern getreten. Ich kenne kaum einen Philologen, der sich über die Wahl seines Rechners nicht ausführlich Gedanken macht. „Schließlich bringt man mit der Kiste oft mehr Zeit zu als mit dem Partner!“, meinte vor einigen Wochen eine Kollegin. Es wird in Philologen-Kreisen, so mein Eindruck, sogar bemerkenswert viel über Computer, Betriebssysteme und Office-Programme philosophiert. Meist mit viel Verve. Eigentlich sind derartige Bekenntnisse oder auch Debatten darüber überflüssig, schließlich sind die Zeiten der Inkompatibilität vorbei – zumindest auf dem Software-Niveau, auf dem sich der gemeine Textwissenschaftler herum treibt. Trotzdem findet sich immer wieder das, was Benjamin mit Blick auf sein Schreibwerkzeug als ‚pedantisches Beharren‘ bezeichnet. So gesehen hat sich zwar das Werkzeug, nicht aber das sensible Verhältnis zum eigenen Schreiben verändert.

Was sich aber zwangsläufig verändert hat, ist der Umgang mit dem, was Benjamin „Eingebung“ nennt (VIII): „Das Aussetzen der Eingebung fülle aus mit der sauberen Abschrift des Geleisteten. Die Intuition wird darüber erwachen. “ Die Reinschrift ist Opfer der technischen Entwicklung. Vielleicht ließe sich der insbesondere von konservativen Zeitgenossen beklagte Umstand, dass nur mehr geistloses Zeugs geschrieben wird (zumal im Netz!), durch ein Gesetz beheben, das vorschreibt, dass alles, was publiziert wird (egal wo und wie!) zuvor einmal vollständig (und sauber!) abgeschrieben werden muss. Zum Wohle der Eingebung!


Vom Unbehagen … international

10. März 2010

Gestern hat hat kein Geringerer als Anthony Grafton im NYR blog ein fundamentales Statement zur Entwicklung der Geisteswissenschaften in den USA und Großbritannien abgegeben: Britain: The Disgrace of the Universities. Graftons Artikel hat mir, so seltsam das scheinen mag, vor allem deutlich gemacht, auf welch hohem Niveau in Deutschland derzeit gejammert wird. Vielleicht lehrt die Entwicklung in Großbritannien ja dann doch, dass wir endlich Schluss machen sollten mit der deutschen Neigung, jeder internationalen Entwicklung blind hinterherzulaufen. Offenbar wäre das eine exzellente Entscheidung!


Performativer Widerspruch

9. März 2010

In einem langen, streckenweise aber gar nicht uninteressanten Artikel hat heute der Hydrobiologe und Wissenschaftspublizist Edgar L. Gärtner erklärt, „Warum die Forscher besser im Elfenbeinturm aufgehoben sind„. Das ruft mich natürlich auf dem Plan – schließlich erfolgen die Kommentare hier ja bewusst aus dem Elfenbeinturm, den zu verlassen ich mich auch sehr ängstige, weswegen ich weltgewandte Akademiker wie Herrn Gärtner sehr bewundere.

Gärtner nun bestätigt mich darin, dass es nicht gut ist, den Elfenbeinturm zu verlassen, und er erläutert auch, warum das exotische Akademikertum mal schleunigst husch, husch zurückkehren soll in sein Refugium. Aber von welcher Seite macht der Hydrobiologe die Tür zu, wenn all die flügge gewordenen Akademikerlein wieder im Turm versammelt sind? Vielleicht sollte Herr Gärtner schlicht mit gutem Beispiel voran gehen und selbst in den Elfenbeinturm zurückkehren. Würde mich sehr freuen.


Ausbildung und Bildung

8. März 2010

Heute hat das DRadio Wissen einen Hinweis auf eine Sendung gepostet, in der sich alles um das Thema „Was soll ich studieren?“ dreht. Ich finde solche Sendungen sehr wichtig, weil die Universitätslandschaft mit ihren Studiengängen ja wirklich sehr unübersichtlich ist. Und für meine Kollegen und mich sind solche Sendungen auch sehr aufschlussreich, weil ich durch sie eine Ahnung davon bekommen kann, was (angehende) Studierende von ihrem Studium so erwarten und was andere Kollegen anders (vielleicht besser?) machen und warum.

Als ich die Nachricht gelesen habe, habe ich mich aber doch über das gewundert, was die beiden Radio-Redakteure zum Besten geben. Da heißt es nämlich aus dem berufenen Munde zweier Geisteswissenschaftler: „Unsere beruflichen Wege waren viel von Zufall geprägt, und so geht es inzwischen vielen Studenten und Absolventen. Denn mit einem Studium kann man vieles werden. Man muss ja nicht unbedingt den Beruf ausüben, für den man sich ausbilden lässt. Oder doch?“

Dazu zwei kleine, vielleicht kleinliche Rückfragen:

Wieso „inzwischen“? Dass der berufliche Lebensweg nach dem Studium stark vom Zufall abhängig ist, ist nun wahrlich nichts Neues. Natürlich gibt es Studiengänge, die etwas konkreter perspektiviert sind als andere. Aber wer so tut, als sei das früher anders gewesen („inzwischen“!), der frage nur mal seinen Arzt oder Apotheker, welche Rolle der Zufall in seinem Berufsleben gespielt hat.

Wieso „ausbilden“? Wer sich eines solchen Themas annimmt, sollte – finde ich – etwas sensibler mit Begriffen umgehen: In kaum einem Universitätsstudiengang wird ausgebildet. Das meine ich gar nicht in einem emphatischen Sinne als Loblied auf das Humboldtsche Bildungsideal, sondern ganz konkret: Wer Jura studiert, wird nicht zum Rechtswanwalt, Richter o.ä. ausgebildet, sondern er wird Jurist. Wer Medizin studiert, wird erst nach einer gewissen Zeit in der Klinik Arzt; auch kann er Sachbearbeiter bei der Krankenkasse werden (wen‘ s denn glücklich macht…). Wer Theologie studiert, wird nicht zum Pastor ausgebildet. Dafür ist das Vikariat zuständig. Und wer Theaterwissenschaften studiert, kann offenbar auch Redakteur beim DRadio Wissen werden. Dafür ausgebildet ist er nicht. Ist doch eigentlich ganz toll, oder?

Eltern erwarten – verständlicherweise – eine Antwort auf die Frage: „Kind, was willst Du denn damit mal werden?“ Dass die meisten Kinder darauf zu Beginn des Studiums häufig eine ausweichende oder gar keine Antwort geben, liegt häufig gar nicht an ihnen, sondern am Studiengang. Gute Radiobeiträge sollten das deutlich machen – Info-Veranstaltungen der Unis aber selbstredend auch.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative II

5. März 2010

Habe eben gesehen, dass gestern auch Thomas Steinfeld in der SZ sein Unbehagen an den vermeintlich ‚wiederkäuenden Akademikern‚ geäußert hat. Im Unterschied zu Gumbrecht und Klausnitzer beschränkt sich Steinfeld auf die Kritik. Das ist sein gutes Recht, schließlich ist er aufmerksamer Beobachter des akademischen Alltags und – anders als die beiden anderen – nicht selbst für Lösungen verantwortlich.

Was mich an seinem Beitrag dennoch stört, ist die eingeschränkte Sicht auf die Dinge. Zum einen ist die Flut an Sammelbänden nicht erst Folge der Exzellenzinitiative, man schaue auf die Homepages der SFBs. Zum anderen wird so getan, als wären für die Entwicklung nur die Exzellenzzentren verantwortlich: Wer blickt bitte mal auf den Publikationsalltag einer ’normalen‘ Uni?

Vor allem aber droht die Gefahr, dass die Sammelbände nun pauschal diskreditiert werden. Ganz so, als könne nicht auch auf 10-30 Seiten ein kluger Gedanke geäußert werden. Steinfeld formuliert stattdessen ein Lob auf die Monographie, da „in der tatsächlich neues Wissen dargeboten“ werden könne.

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Monographie gefährdet ist – allein schon deswegen, weil sie zumindest in den Geisteswissenschaften weiterhin der Goldstandard auf dem Weg zur Professur ist. Warum aber die Monographie zwingend der bevorzugte Ort für ‚kluge Gedanken‘ ist (Masse = Klugheit?), weiß ich erst recht nicht. Die Monographie ist eine Publikationsform, um einen größeren Zusammenhang materiell in den Griff zu bekommen. Das gilt zumindest für die historisch orientierten Geisteswissenschaften. Die Thesen dahinter (und sie dürften u.a. mit dem ’neuem Wissen‘ gemeint sein, denke ich) lassen sich dagegen schon in einem überschaubaren Umfang darstellen. Und das gilt sowohl für stärker historisch wie auch stärker theoretisch orientierte Studien – das zeigen die Arbeiten von so unterschiedlichen Philologen wie Alewyn, de Man oder letztlich auch Szondi, dessen Monographien dem Umfang nach auch nicht viel mehr als etwas längere Aufsätze waren.

Was sie einte, war allerdings, dass sie sich beim Publizieren nicht haben unter Druck setzen lassen. Vielleicht ist das der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Das kann zwar dazu führen, dass man vielleicht auch einmal einen zugesagten Beitrag zurückziehen muss und einen Kollegen verärgert. Aber das Imprimatur ist und bleibt immer auch eine Frage ans eigene Ethos. Wer über Strukturen schimpft, zieht sich aus der Verantwortung.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative

4. März 2010

Heute hat Ralf Klausnitzer einen Artikel publiziert, in dem er sich kritisch mit dem vermeintlichen „Fluch des Geldes“ durch die Exzellenzinitiative auseinandersetzt. Klausnitzer geht in seinem Beitrag u.a. auf einen Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht aus dem letzten Monat ein, der seinerseits die gegenwärtige Symposien-Kultur aufs Korn nimmt.

Beide thematisieren ein Unbehagen an der Inflation geisteswissenschaftlicher Tagungsbände, die durch die Exzellenzinitiative ihrer Meinung nach verstärkt wurde und die inzwischen wohl jeden Geisteswissenschaftler beschleicht und die viele Kollegen auch schon zu missmutigen Äußerungen auf Tagungen hingerissen hat. Im ersten Moment dachte ich, dass die beiden Artikel mal wieder Ausdruck für das fehlende Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften im Hinblick auf ihre Forschungsergebnisse sind. Aber das ist, wenn man die Artikel ganz liest und andere Artikeln der beiden Autoren kennt, auszuschließen.

Das Problem der Äußerungen von Kollegen auf Tagungen ist natürlich, dass immer der Tagungsband einer anderen Tagung, eines anderen Kollegen gemeint ist. Nie der eigene Tagungsband. Schließlich ist der eigene Beitrag stets wichtig, d.h. publikationswürdig. Die fördernden Institutionen geben diesem Impuls recht: Schließlich wurden vor der Publikation Anträge begutachtet; die Ideen haben also eine gewisse Valenz.

In der Diskussion um den richtigen Umgang mit den Tagungsbänden sollte man also vorsichtig sein, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird bzw. dass die Geisteswissenschaften nicht zu der ihnen eigenen Neigung zur Selbstzerstümmelung zurückkehren. Ergebnisse von geisteswissenschaftlichen Tagungen sind in aller Regel publikationswürdig. Doch hat die Publikation nicht höchste Priorität. Sie ist eine Art der Vermittlung, nicht mehr.

Noch wichtiger für die Vermittlung von Gedanken sind aber die Tagungen selbst. Das Unbehagen an den Tagungsbänden darf nicht auf die Tagungen selbst ausgeweitet werden. Gerade weil ein Überblick kaum mehr möglich ist, muss regelmäßig die Gelegenheit zum Austausch unter Kollegen bestehen.

Die Pointe der beiden Artikel ist nun, dass sie trotz einiger Differenzen die gleiche Richtung verfolgen. Beide fordern nämlich letztlich nicht weniger als eine neue Verzahnung von Forschung und Lehre. Klausnitzer fordert: „Neue Ideen sind nicht nur auf Tagungen zu diskutieren, sondern in Lehrveranstaltungen mit Studierenden zu testen. Wissenschaftler sollten weniger Drittmittelanträge ­schreiben und dafür stärker die Arbeiten von Kollegen wahrnehmen.“ Und Gumbrecht meint abschließend: „An den besten amerikanischen Universitäten, denen die neue europäische Exzellenz-Hektik ja nachstrebt, stand die Priorität der Lehre übrigens noch nie in Frage.“

In der guten alten Zeit (also vor Bologna) gab es einen Ort, der gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung bildete. Er trug den etwas muffigen Namen Oberseminar. Das fundamentale Problem ist nur, dass eben diese Lern- und Lehrform vielerorts ein Opfer des sog. Reformprozesses geworden ist. Vielleicht sollte man in Zukunft die Bewilligung von Druckkostenzuschüssen schlicht an die Frage knüpfen: „Was haben Sie zur Wahrung bzw. Wiedereinrichtung von Oberseminaren in den letzten 12 Monaten unternommen?“