Kein Staub, nirgends

25. August 2010

Endlich wieder Philologe sein, denke ich mir, da ich heute morgen in den Bus steige. Mein Ziel: das Archiv der AdK, im Schatten der Charité. Als ich das letzte Mal da war, war auch Sommer, auch damals wehte ein kräftiger Wind durch die Straßen. Das hatte kuriose Folgen: Die Heiner-Müller-Archivalien wurden mir in leichten Papiermappen serviert und da Archivmitarbeiter dauernd durchlüfteten (was eigentlich sehr angenehm war), hatte ich permanent Sorge, dass mir die wertvollen Papiere um die Ohren fliegen. Schließlich lagen lauter Originale vor mir, und die Sicherheitskopien lagen eigentümlicherweise direkt dabei …

Ich trete in den Lesesaal im 2. Stock, die Fenster sind wieder offen. Wird wohl wieder ein hektisches Arbeiten, denke ich mir. „Müller ist jetzt digital.“ Der nette Herr in der Auskunft sieht mein ratloses Gesicht und führt mich zu einem der hinteren PC-Plätze. Freundlich erklärt er mir, wie ich den digitalen Müller mir erschließen kann – genau so, dass ich mir nicht wie ein Depp vorkomme und trotzdem alle meine Fragen beantwortet sind. Perfekter Service. Bin wirklich beeindruckt. Dann mal ans Werk.

Meinetwegen können die Fenster jetzt immer offen sein, so macht das Arbeiten echt Spaß. Aber schon nach kurzer Zeit frage ich mich, warum ich in einem Archiv sitze und mir ein jpg nach dem anderen ansehe und keine echten Archivalien. Leuchtet natürlich sofort ein, dass man die Bestände digitalisiert und damit in jeder Hinsicht sichert. Ich brauche auch keine Angst mehr zu haben, dass mir das Zeugs um die Ohren fliegt.

Müllers Schrift verliert am Bildschirm jede Aura, die ich mir beim Lesen der Originale immer eingeredet habe, und mutiert zur Klaue, die mich die Vergrößerung hochfahren lässt. Alles ganz pragmatisch, ganz clean und ganz effizient. Der Philologe hält sich aber letztlich für ein Trüffelschwein. Ohne Dreck, keine Trüffel – weiß doch jeder. Obwohl ich schon viel im Staub gewühlt habe, habe ich natürlich nie einen Trüffel gefunden, sondern immer nur Detailbeobachtungen gemacht, das weiß ich. Aber die Hoffnung auf die Trüffel kam trotzdem mit jeder neuen Mappe wieder auf. Sie ist nun futsch.

Zwar sind die Leute hier so dermaßen hilfsbereit, dass sie mir gewiss auch die Original-Mappen besorgen, wenn ich mir eine Begründung aus den Fingern sauge, aber das, was mich heute interessiert, kann ich – das muss ich mir eingestehen – auch mit Hilfe der jpgs beantworten. Also kein gefühltes ‚Philologe-Sein‘, das ist wohl der Preis für gute Arbeitsbedingungen.


Zukunftsphilologie

9. August 2010

In den Auseinandersetzungen um das, was Philologie ausmacht, lässt sich derzeit die Tendenz ausmachen, nach den Ursachen für das inzwischen seit rund 10 Jahren anhaltende Interesse eben an der Philologie zu fragen. Hans Ulrich Gumbrecht etwa eröffnet einen durchaus kontroversen Beitrag über Auerbachs Philologie-Konzept folgendermaßen:

„Nichts hätte man weniger erwartet vor zwanzig Jahren im Milieu der damals avanciertesten Literaturwissenschaftler als jene Faszination durch den Begriff ‚Philologie‘, die mittlerweile über so viele von uns gekommen ist. Ich sage ‚Faszination‘ – und nicht ‚Interesse‘ -, um anzuzeigen, daß wir uns von einem Begriff und der von ihm gemeinten Praxis angezogen fühlen, ohne dabei durch bewußte Interessen oder Absichten motiviert zu sein.“ (S. 275, in: Jürgen Paul Schwindt (Hg.): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt/Main 2009).

Gumbrecht unterstellt also, dass die Beschäftigung mit der Philologie nicht etwa bestimmte Ziele verfolgt, sondern dass sie einer Art Zeitgeist geschuldet ist, der seinerseits verschiedene Ursachen hat und unterschiedliche Anliegen verfolgt. Er nennt im Folgenden gleich mehrere. Sieht man einmal davon ab, dass er sich damit eigentümlich distanziert zu einem Phänomen äußert, das er selbst mit The Powers of Philology (zuerst 2002) befördert hat, finde ich diesen Hinweis sehr bedenkenswert, denn er wirft indirekt die Frage auf, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der Philologie überhaupt hat – jenseits der Präzisierung ihrer Geschichte.

In dem von Anne Bohnenkamp, Uwe Wirth, Irmgard Wirtz und mir veranstalteten Projekt Konjektur und Krux haben wir von Beginn an darauf gedrängt, aktuelle literaturtheoretische Überlegungen mit konkreten philologischen Problemen und Praktiken sowie mit der Philologiegeschichte in Verbindung zu bringen. Das schließt die Möglichkeit mit ein, eine mutmaßende, vielleicht sogar intervenierende Auseinandersetzungen mit literarischen Texten und ihren Trägern zu erwägen. Eine derart gefasste Auseinandersetzung mit der Philologie verfolgt primär ein analytisches Anliegen, das darum bemüht ist, die Voraussetzungen der eigenen Textarbeit permanent zu hinterfragen bzw. sich ihr immer auch mutmaßendes Fundament vor Augen zu führen.

Dies ist, so meine ich, die eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Konzept, einer Theorie oder einer Methode letztlich nicht nur einer Mode folgt. Dies zu tun, ist eigentlich selbstverständlich, auch wenn es nicht immer gängige Praxis ist – die zahlreichen turns der letzten Jahre bestätigen das ja eindrucksvoll …

Eine solche Vergewisserung leistet allerdings eines meist nicht (auch wenn sie es zweifellos sollte), nämlich eine kritische Überprüfung der eigenen ideologischen Voraussetzungen. Im Hinblick auf die Beschäftigung mit der Philologie ist das keine neue Einsicht. Frank Trommler hat 2008 in der Geschichte der Germanistik (H. 33/34, S. 24f.) darauf bereits hingewiesen. Auch wenn seine Kritik an der Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien nach meinem Dafürhalten an deren eigentlichem Anliegen vorbeizielt, so ist doch Trommlers Hinweis berechtigt, dass die Auseinandersetzung mit der Philologie derzeit kaum interkulturelle Aspekte berücksichtigt.

Das ist deswegen umso bemerkenswerter, weil die Philologie per se nicht auf eine Kultur festgelegt ist und selbstredend auch nicht auf eine Sprache oder gar Nationalsprache. Faktisch aber sind die Auseinandersetzungen entschieden nationalphilologisch geprägt. Daher ist es nur zu begrüßen, dass am Wissenschaftskolleg jetzt eine Initiative gestartet wurde, die genau dieses Problem angeht. Sie nennt sich „Zukunftsphilologie“ und nimmt damit Bezug auf eine Schrift des jungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff; sie ist aber ganz und gar nicht rückwärtsgewandt:

„Zukunftsphilologie möchte bisher marginalisierte präkoloniale Wissenschaft aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa neu in den Blick nehmen und bisher vernachlässigte Zweige philologischer Forschung unterstützen.“

Man kann einem derart ambitionierten Vorhaben nur viel Erfolg wünschen – nicht nur, weil es ein klar benanntes Interesse an der Philologie hat und in ihr eben nicht nur eine Faszination sieht, sondern zuallererst weil die Auseinandersetzung mit aus europäischer Sicht peripheren Texten und ihren Trägern eine Herausforderung der eigenen Praktiken und Methoden darstellt.


95 Thesen

29. Juni 2010

Als Luther vor bald fünf Jahrhunderten seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirchen von Wittenberg hämmerte, war’s bald vorbei mit der betulichen Ruhe in dem kleinen Örtchen mit der kleinen Universität. Uns muss jetzt auch gar nicht die Frage beschäftigen, ob Luther wirklich die Thesen an die Tür genagelt hat oder nicht. Viel wichtiger ist, dass sie binnen weniger Wochen Veränderungen auslösten, die letztlich die gesamte damals bekannte Welt veränderten. Wohl selten war ein kurzer akademischer Text von einem Universitätsprofessor wirkungsmächtiger als die 95 Thesen.

Jetzt ist wieder ein Universitätsprofessor dabei, 95 Thesen zu publizieren – und zumindest ich halte den Atem an und warte gespannt, was passiert!

Seit Mai veröffentlicht der Frankfurter Literaturwissenschaftler Werner Hamacher, der unter anderem ein großer Celan-Kenner ist, sukzessive 95 Thesen zur Philologie im roughblog des Verlegers Urs Engeler. Nun macht natürlich schon die Publikation in Etappen klar, dass mein Vergleich mit Luthers Thesen nur bedingt trägt. Und mir ist auch bewusst, dass Hamachers Thesen nicht auf derart viel Interesse stoßen werden, wie die Luthers zum Ablass (das nur als Rechtfertigung für all die, die nicht wissen was Ironie ist).

ABER: Selten hat ein Philologe derart pointiert und zugleich reflektiert über Philologie geschrieben wie Hamacher jetzt. Vor allem nähert er sich dem Thema mittels Aphorismen und Zitaten, so dass seine ganzen Reflexionen zum Nachdenken herausfordern und gleichzeitig niemals ’schwer‘ und ‚beladen‘ daherkommen. Vergleichbar ist das vielleicht mit Friedrich Schlegel, dem aber – anders als Hamacher – gerade in seinen Reflexionen über Philologie die romantische Ironie immer wieder abgeht (was vielleicht auch daran liegt, dass seine Philosophie der Philologie nicht vielmehr als ein paar Notizen sind). In These 28 etwa denkt Hamacher über die notwendige Selbstvergessenheit der Philologie nach. Nur wer sich die bewusst macht, ja sie ganz und gar akzeptiert, hat die Chance im wahrsten Wortsinn Philologe zu werden.


Philologie und Kulturwissenschaft

21. Juni 2010

An dieser Stelle habe ich schon einmal darauf hingewiesen, dass es seit einigen Jahren ein Spannungsverhältnis zwischen den Begriffen ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ gibt. Für einige schließen sich ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ aus, für andere sind es unterschiedliche Verfahren, die durchaus miteinander kombiniert werden können, und für wieder andere sind ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ letztlich dasselbe – nur dass erstere etwas antiquierter klingt als letztere.

Angesichts dieser unterschiedlichen, sich vielfach widersprechenden Bedeutungen verwundert es auch nicht, dass viele Literaturwissenschaftler den Begriff ‚Philologie‘ derzeit als Kampfbegriff zu besetzen versuchen bzw. das ‚Philologe-Sein‘ anderen Kollegen absprechen, um sich selbst indirekt zu profilieren. Doch wer so verfährt, tut meist so, als sei hinlänglich klar, was einen Philologen ausmache. Wie wenig das heute, aber auch in den letzten 200 Jahren der Fall war, versuchen Uwe Wirth und ich nun in einer Anthologie zu dokumentieren.

Ob es uns gelungen ist, das sollen freilich andere entscheiden. Es wäre sehr nett, wenn Leser ihre Meinungen zu der Anthologie hier als Kommentar posten würden.


Notizen

15. Juni 2010

Wer in alten Büchern oder gar Handschriften liest, findet darin immer wieder Notizen von anderen Lesern. Meistens sind die nicht gerade weiterführend, manchmal sind sie amüsant („Stimmt!“, „So ein Quatsch!“) und manchmal sind sie wahre Schätze. Das gilt insbesondere, wenn der annotierende Leser ebenso bedeutend ist (oder vielleicht sogar noch bedeutender) als der annotierte Autor (bzw. sein Text).

Nun könnte man meinen, dass das Aufkommen elektronischer Bücher daran grundsätzlich nichts ändert, schließlich haben die meisten E-Book-Reader Kommentar-Funktionen. Doch ist Notiz nicht gleich Notiz. Immerhin gibt es Leser die geradezu exzessiv mit dem vorliegenden Text arbeiten. The New York Review of Books hat das jüngst zum Anlass genommen, um festzuhalten What the iPad Can’t Do. Sue Halpern setzt in ihrem Artikel insgesamt recht hoffnungsfroh auf die Macht der Konsumenten, die die Gadgets ihren Bedürfnissen schon anpassen werden. Na, dann hoffen wir mal, dass das kleine Unternehmen aus Cupertino auch mitspielt.


Paradigma

6. Mai 2010

Am Ende von Homo sacer schreibt Giorgio Agamben: „Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes.“ Dieser Satz hat – wie auch Agambens Buch insgesamt – für viel Aufsehen gesorgt, als er publiziert wurde. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass damit die Herrschaftsformen, die Lager gebildet haben und bilden, indirekt miteinander verglichen werden bzw. im Hinblick auf ihren Umgang bei der Entrechtlichung von Menschen befragt werden. Das Problem, inwieweit Auschwitz vergleichbar ist, tritt hier durch die Hintertür in den philosophischen Diskurs.

Ich habe die Vorbehalte gegen Agambens These nie verstanden bzw. weitgehend ignoriert. Das liegt vielleicht auch daran, dass er auf Foucault Bezug nimmt und es ihm nicht etwa um konkrete historische Vergleichbarkeit geht. D.h., die Vorwürfe haben die methodischen und theoretischen Voraussetzungen des Buches viel zu wenig berücksichtigt, wenn nicht gar ignoriert. Aber zum Teil lag das auch daran, dass ich schon vor einiger Zeit eine gewisse Scheu entwickelt habe, mich auf Überlegungen einzulassen, wenn von ‚Paradigma‘ die Rede war. ‚Paradigma‘ war lange Zeit eins dieser unsäglichen Modewörter der Geisteswissenschaften. Es wurde derart inflationär verwendet, dass zumindest ich geneigt war, nicht mehr grundlegend über seine Bedeutung nachzudenken. Meine Scheu führte also zu einer Oberflächlichkeit, die dem Gegenstand nicht angemessen war.

Ende letzten Jahres hat Agamben das Buch Signatura rerum. Zur Methode publiziert. Darin klärt er grundlegend, was er unter einem Paradigma versteht. Das ist ein löbliches Unterfangen, schließlich trägt er damit nicht nur zur Klärung des Begriffs innerhalb seiner Überlegungen bei. Er schafft außerdem die Voraussetzung, dass in Zukunft differenzierter von ‚Paradigma‘ gesprochen werden kann.

Nachdem Agamben es in seinem neuen Buch abschließend in Thesenform riskiert, „verschiedene Züge“ des Paradigmas zu definieren, erklärt er, die von ihm untersuchten Paradigmen seien darauf gerichtet, „eine Serie von Phänomenen intelligibel zu machen, deren Herkunft aus dem Blickfeld des Historikers fast oder ganz entschwunden war.“ (S. 37) Sodann bekennt er sich explizit zu Foucaults Archäologie, was nicht weiter überrascht, wenn man Homo sacer kennt. Schließlich zielt dies Buch eben auf die Archäologie dieses Lebensentwurfs und seine Wandlungen und Pervertierungen in der Neuzeit, indem der Bann als „orginäre politische Beziehung“ (Homo sacer. Frankfurt/M. 2002, S. 190) erschlossen wird.

Ich verstehe aber nicht, wieso das Lager ein Paradigma sein kann, wie Agamben schreibt. Meines Erachtens wäre es plausibler, wenn das ‚heilige Leben‘ in dem Sinne, wie es Agamebn in seinem Buch entwickelt, das Paradigma der Neuzeit abgeben würde. ‚Paradigma‘ wäre dann eine Art Abstrahierung. Das Lager wäre dagegen in der Terminologie Agambens das, was er ‚Phänomen‘ nennt, das auf einen Ursprung zurückgeführt werden kann (im Unterschied zum ‚Paradigma‘).

Ich bin mir nicht sicher, ob da irgendwo in der Argumentation von Agamben eine Ungenauigkeit ist oder ob ich nicht alles richtig verstanden habe. Vielleicht findet sich ja ein Leser, der hier mit einem Kommentar weiterhelfen kann. Auf jeden Fall macht Agambens lobenswerter Versuch, sich zu seiner Methode zu äußern, klar, warum Exegese und Kommentierung unendliche Aufgaben sind, da sie nicht zu einer letztgültigen Klärung führen, sondern vielmehr zu einer immer umfassenderen Differenzierung und Problematisierung.

Enttäuscht von Agambens Buch dürften hingegen all die sein, die sich von seiner Darstellung eine präzise methodologische Handreichung im Sinne einer Handlungsanleitung versprechen. Agamben überprüft philosophische Eckpfeiler seines Denkens mittels der von ihm auch sonst gewählten Verfahren, die wesentlich begriffsgeschichtlich und diskursanalytisch geprägt sind. Wer stattdessen eine systematische Analyse und methodische Fundierung seiner bisherigen Arbeiten lesen möchte, der sollte besser Eva Geulens Einführung über ihn lesen.


Archivpluralismus

3. Mai 2010

Marcel Lepper, Leiter der Arbeitsstelle ‚Geschichte der Germanistik‘ in Marbach,  hat 2008 die Frage gestellt: Zu welchem Ende sammelt und ediert man Vorlesungen aus Wissenschaftlernachlässen? (in: Geschichte der Germanistik 33/34, S. 48-56). In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Trajekte des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung zeigt Herbert Kopp-Oberstebrink, dass diese Frage schon vor über hundert Jahren aktuell war.

Unter dem Titel „Archive für Litteratur!“ (Trajekte 20 (2010), S. 37-45) hat der Berliner Philosophiehistoriker Überlegungen Wilhelm Diltheys zur Gründung von Literaturarchiven publiziert. In Auseinandersetzung mit dem damals jungen Weimarer Archiv spricht sich Dilthey für die Gründung von weiteren Archiven aus, die verschiedene Anliegen verfolgen – u.a. auch die Archivierung von Gelehrtennachlässen. Dilthey verfolgte, das zeigt Kopp-Oberstebrink überzeugend, die „Rekontextualisierung“ (S. 44) und arbeitete so einem erweiterten Literaturbegriff vor, der sich erst viele Jahrzehnte später durchsetzen sollte.

In den letzten Jahren ist Marbach wiederholt vorgeworfen worden, dass es sich zu sehr den Gelehrtennachlässen zuwende und zu wenig der Literatur. Dilthey wäre die Schwerpunkterweiterung Marbachs mutmaßlich sehr sympathisch gewesen – sowohl methodisch als auch im Hinblick auf den Archiv-Pluralismus. Schließlich ermöglicht erst dieser die Rekonstruktion einer differenzierten Entwicklungsgeschichte, die Diltheys Anliegen war. Dass wir dieser heute kritischer gegenüberstehen als er, stellt eine Herausforderung eigener Art da – aber keinen Widerspruch dazu, dass es sinnvoll ist, über seine Konzepte erneut nachzudenken.


Museum und Archiv

1. Mai 2010

Wer Handschriften von Schriftstellern lesen möchte, muss in Deutschland ins Archiv gehen. Nun sind Archive bekanntlich keine Museen. Ins Museum geht man, um in der Freizeit ein wenig das zu genießen, was man Allgemeinbildung nennt. Ins Archiv dagegen geht man, weil man eine bestimmte wissenschaftliche Frage hat und diese beantworten will. Im Archiv wird also wissenschaftlich gearbeitet.

Was aber tun die, die eine Handschrift nicht gleich bearbeiten, sondern schlicht einmal eine oder gar gleich mehrere in ihrer Freizeit lesen oder auch nur ansehen wollen? Ihnen bleibt nur der Weg in eins der großen Archive – immerhin habe sie meistens einige Ausstellungsräume. Das gilt insbesondere für die vier großen Literaturarchive: das Archiv der Akademie der Künste in Berlin, das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Marbach hat zudem mit dem Literaturmuseum der Moderne den Weg gewiesen, wie eine kluge Verbindung aus Archivbeständen und Museum aussehen kann.

Aber das, was den Schriftsteller im Kern ausmacht, ist weiterhin bemerkenswert peripher: Ein Museum in erster Linie für Handschriften aller Epochen gibt es in Deutschland nicht. Man kann ins entlegenste Kaff kommen und findet ein Literaturmuseum. Das ist dann meist ein Haus, in dem irgendein Schriftsteller geboren wurde, den heute kaum noch jemand kennt und der zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr mit seinen Eltern diese trostlose Gegend für immer verlassen hat. Das vermeintliche Museum hat also meist nicht vielmehr als eine Kopie vom Taufregister zu bieten und vielleicht noch ein vergilbtes Photo vom Nachbarn oder Onkel. An der Kasse werden immerhin ein paar Bücher verkauft, und wenn man viel Glück hat, findet man dort ein Buch, das lange schon vergriffen ist. Über die Arbeitsweise des Schriftstellers, also über sein Schreiben, erfährt man dagegen wenig.

Vor allem aber erfährt man in solchen Dichter-Museen über das Schreiben im Allgemeinen nichts: Wie hat es sich entwickelt, welche Formen des schriftstellerischen Schreibens gibt es? Sind Schriftsteller eher diszipliniert oder krickeln sie herum? Welche technischen Hilfsmittel haben sie zu welchen Zeiten bevorzugt? Haben sie ganz viele Notizen angelegt oder scheint alle ihre Ideen immer schon im Kopf zu sein?

Man lernt sehr viel über einen Schriftsteller, wenn man sich einmal in Ruhe einen Nachlass im Archiv anschaut. Das ist klar. Aber den Vergleich ermöglicht das noch lange nicht. Das kann nur ein Museum leisten, dessen Kuratoren viele Nachlässe kennen und mit der Geschichte des Schreibens vertraut sind. Ein Museum, das all das auf spannende Weise vermittelt, gibt es in Deutschland nicht.

Offenbar ist man hier der Meinung, dass das außer ein paar Philologen eh niemanden interessiert. Wenn man sich aber einmal klar macht, wo überall Schriftsteller-Museen und -Sammlungen sind und dass es andererseits in diesem Land kein einziges Museum gibt, das sich der Schrift widmet, so wird rasch die Diskrepanz deutlich. Ich glaube auch nicht, dass das ein Museum nur für ein paar Freaks wäre. Wie spannend alte Handschriften sein können, weiß jeder, der einmal in den Schulheften der Eltern gewühlt hat.

In Frankreich ist man einen anderen Weg gegangen. Dort gibt es seit einigen Jahren das Musée des Lettres et Manuscrits. Es zeigt nicht nur Handschriften berühmter Schriftsteller, sondern eben auch Briefe und andere Handschriften seit dem Mittelalter. Allen, denen der Weg nach Paris zu weit ist, präsentiert sich das Museum im Netz. Dort kann man zum Beispiel mit einer virtuellen Lupe über den Handschriften herumfahren und sich ein wenig als Hobby-Kodikologe versuchen, wobei man gut beraten ist, die Ansicht im Browser hochzufahren, sonst erkennt man oft gar nichts. Aber das ist nicht so schlimm. Dass eine Internet-Präsenz keinen Museumsbesuch ersetzen kann, ist eh klar.

Warum hat Deutschland ein solches Museum nicht? Es müsste eins sein, das nicht auf eine bestimmte Epoche konzentriert ist und das zu zeigen versucht, wie sich die Geschichte eines Landes in seiner Schriftgeschichte spiegelt. Wäre doch spannend, wenn man mal sehen könnte, ob sich Notizen von Kaisern und Königen sehr von einer Merkel-SMS unterscheidet.